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Sonntag, 21. September 2008

Im Ashram


Butterfly
Originally uploaded by hobbes_ch
Eine Wolke Schmetterlinge hüllt mich ein als ich den Jeep verlasse. Sie führen mich geradewegs zu einem überwachsenen Tor auf dem „Phool Chatti Ashram“ steht. Zikaden zirpen ihr aufdringliches Lied welches sich immer wieder bis zu einem Crescendo aufschwingt, dann eine Kurze Pause einnimmt, nur um das sich ewig wiederholende Konzert von neuem zu beginnen. Etwas weiter weg hört man deutlich das Rauschen des Ganges welches nur von gelegentlichen Vogelschreien übertönt wird.

Ich betrete den Innenhof der Anlage. Überall stehen Topfpflanzen. Ein grüner Garten, eingerahmt von leicht renovationsbedürftigen Mauern. Und renoviert wird gerade, wie ich dem Hämmern und Schleifen, Bürsten und Malen entnehme. Bald beginnen die öffentlichen Yoga-Kurse. Da will man vorher nochmals alles piekfein herausputzen.
Das Ashram erweckt den Eindruck einer freundlichen Pension mit riesigem Garten, der aber so dicht mit Bäumen besetzt ist, dass er nahtlos in die Umgebung übergeht. Nur getrennt durch eine niedere Mauer. Dahinter ragen steile Felshänge auf, welche das Tal hier begrenzen. Der Ganges, der hier wie ein breiter Wildbach daher kommt, rauscht nur hundert Meter weiter durchs Tal. Das Bachbett beginnt jedoch direkt vor dem Ashram. Vermutlich kann der jetzt gemässigte Fluss ganz schön anwachsen, wenn die Regenfälle des Monsuns in übermässig nähren. Am anderen Ufer steigt die Böschung steil an und ist hier dicht bewaldet.

Im Innenhof begrüsst mich die indische Form eines Samichlauses herzlich. Er ist kein Inder, wie ich sehe, obwohl er mit dem langen Bart und seinem Turban leicht mit einem verwechselt werden könnte. Er stellt sich als „Guru Sant“ vor, was ich mir nie werde merken können. „Du kannst mich auch einfach Sadi nennen“ und bietet mir einen Stuhl an. Neben den zahlreichen Handwerkern entdecke ich eine Inderin in wallendem orangen Sari, ein ebenfalls orange gekleideter zweiter Guru (indischer Abstammung) und ein älterer Herr anwesend, der allem Anschein nach der Besitzers der Anlage zu schein seint.
Sadi erklärt mir die Anlage und weist mich auf die einfachen Regeln hin. Ashrams haben manchmal ziemlich umfassende Richtlinien die zu beachten sind. Im Phool Chatti Ashram hält man es recht locker. Gegessen wird in der Gruppe und zwar um acht Uhr, zwölf Uhr dreissig und neunzehn Uhr dreissig. Dazwischen gibt es Tee um zwei und einen Indischen Gottesdienst um sieben, der aber freiwillig ist. Während dem Essen darf nicht gesprochen werden und die „Tenu“-Regel schreibt mindestens Shorts und Tshirt für Männer, Schulter und Bein bedeckende Kleidung für Frauen vor. Alles annehmbar, finde ich und lasse mir von Guru Sadi mein nettes Zimmerchen zeigen. Für dreihundert Rupien (etwa vier Franken) pro Tag inklusive aller Mahlzeiten kann man nichts sagen. Ich bin happy!

Essen im Lotus-Sitz
Ein Gong kündig die erste Mahlzeit an. Da ich keine Ahnung habe wie das hier abläuft, stelle ich mich einfach schüchtern in den Hof. Von überall kommen Inder mit rostfreien Tellern und Tassen gelaufen und setzten sich in den rechteckigen Essraum. Tische gibt es nicht. Nur zwei lange Matten die als Sitzgelegenheit den Wänden entlang ausgebreitet wurden. Alle setzen sich in zwei Reihen hin, die Teller und Tassen vor sich gestellt. Ich erhalte auch einen der einheitlichen Teller und setze mich irgendwo dazwischen. Die Inder sitzen alle in der Lotus-Stellung, also mit seitwärts angewinkelten Beinen, die Füsse jeweils auf dem Oberschenkel des gegenüberliegenden Beines.

Ich versuche es unter deutlichen Schmerzen ihnen gleich zu tun, komme aber auf keinen grünen Zweig. Wenn ich die Beine so anwinkle wie sie, kann ich mich nicht mehr aufrecht hinsetzen. Tue ich es nicht, stehen mir meine Knie im Weg und ich komme nicht mehr an den Teller ran. Unter deutlicher Anstrengung und einigen reichlich unreligiösen inneren Flüchen schaffe ich das eine Bein anzuwinkeln und das andere irgendwie auf die Seite zu biegen. So komme ich – wenn auch unter Schmerzen - fast an den Teller ran, der inzwischen mit diversen gelblichen und beigen Saucen, zwei Giabattis und Reis gefüllt wurde. Gegessen wird jedoch noch nicht. Man wartet auf irgend etwas. Plötzlich murmelt die Inderin im orangen Sari etwas laut vor sich hin und alle andern – ausser ich – antworten in Hindi auf den Singsang. Das war das Zeichen, man isst.
Ich versuche mich über die Speisen zu beugen um nicht alles vollzukleckern. Es geht nicht. Unmöglich. Ich bin nicht gelenkig genug und muss meinen Löffel in einem weiten Bogen vom Teller bis zum Mund führen. Natürlich versaue ich dabei nicht nur den Boden, sondern auch meine ganzen Beine. Mit peinlich verzogenem Gesicht schiele ich um mich, ob meine unprofessionelle Esstechnik von den Indern bemerkt wurde. Glücklicherweise sind alle andern nur eifrig mit ihren eigenen Tellern beschäftigt und keiner scheint meinen Fauxpas bemerkt zu haben.

Nach dem Essen kann ich zum Glück im Ganges baden und so die Spuren meiner alternativen Esstechnik den Göttern opfern. Das herrliche Nass riecht hier ausnahmsweise nicht und ist wunderbar erfrischend. Ein kleiner Sandstrand lädt zum faulenzen ein und die himmlische Ruhe verleiht dem Ort etwas magisches. Die Schmetterlinge sind auch hier allgegenwärtig. Wie Farbspritzer zieren sie das Ufer in den schillernsten Farben. Noch nie habe ich eine solche Menge unterschiedliche Schmetterlinge an einem Ort beobachtet. Wo so viele Schmetterlinge sind, kann es nichts böses geben, denke ich mir und pflanze mich auf meinem Handtuch in den warmen Sand. Morgen werde ich den berühmten Wasserfall hier in der Nähe erkunden!

Unter dem Wasserfall
Ein steiler Pfad führt mich in Mäandern den dicht bewaldeten Hang hinauf. Orange Pilze überziehen modrige Baumstümpfe die sich am Wegesrand still vor sich hin zersetzen. Die noch tief stehende Sonne wird vom linken Bergrücken abgeschirmt, doch die Luft ist trotzdem sehr warm und extrem feucht. Schnaufend und dampfend erreiche ich eine Weggabelung, an welchem ein hilfsbereites Individuum ein Kartonschild gebastelt hat, welches mich unbedingt nach rechts auf einen kleinen Morastpfad locken will. Jedenfalls wenn ich zum „W F“ will, was ich mit „Waterfall“ interpretiere. Ich vertraue dem Wegweiser und stapfe den feuchten Pfad entlang. Bald schon wird der Weg nicht nur bedeutend steiler, sondern zur zusätzlichen Herausforderung auch noch bedeutend glitschiger. Aus dem Morast wird hier abgerundeter Stein und zwar in solcher Gestalt, das die Schuhe auf keinen Fall Halt darin finden. Im Geiste sehe ich plötzlich Inder mit grossen Saugnäpfen an den Füssen die den Pfad locker barfuss erklimmen. Europäer in Wanderschuhen wie ich gleichen bei der selben Übung mehr einem Goofy in einem Zeichentrick der auf Glatteis läuft. Heftiges Rudern mit den Armen und unterdrückte Schreie helfen auch nicht viel um Höhe zu gewinnen und die Einzige Hilfe in der prekären Situation ist ein kleiner Bach, der mir nun plötzlich über den „Weg“ entgegen fliesst. Der Bach macht die Passage endgültig unpassierbar, es sei denn, man entwickle sich ein paar Millionen Jahre rückwärts und wechsle wieder in eine vierbeinige Gangart. Mit den Händen im dornigen Gestrüpp links und rechts vom Weg und mit den Füssen wild rudernd komme ich in bescheidenem Tempo voran und erreiche nach einiger Zeit tatsächlich den gesuchten Wasserfall. Dieser verschlägt mir zwar nicht gerade den Atem (dafür haben wir in der Schweiz einfach zu viele davon und erst noch um einiges grössere... aber man soll ja nicht vergleichen!) ist aber trotzdem ganz nett. Glücklicherweise habe ich vorgesorgt und bin bereits mit Badeshorts bewaffnet.

Fünf Minuten später stehe ich jubelnd unter dem kühlen Nass, das von ziemlich weit oben auf meinen Rücken donnert. Die Massage ist entsprechend heftig und erinnert mich sehr an die Düsen im heimische Solbad. Ausser das man hier nicht achtzehn Franken die Stunde dafür bezahlt!


Den Nachmittag verbringe ich am nahen Sandstrand am Ganges. Ich hätte wirklich nicht erwartet, das ich einmal Strandferien am Ganges verbringe, doch das kühle Nass und der herrlich feine Sand ist etwas vom besten was ich in Indien bisher gefunden habe. Zu verlockend um es nicht zu nutzen, auch wenn dabei die geplanten Meditationsübungen etwas kürzer treten müssen. Ich erfinde also kurzerhand die indische Strand-Meditation welche ganz einfach mit einem Handtuch und einem iPod durchgeführt werden kann und meditiere fleissig.

Natürlich kann ich trotz Meditation nicht lange ruhig liegen und erinnere mich bald der putzigen Steintürmchen, welche im Tessin so populär sind. Hier habe ich noch keinen einzigen dieser Türme gesehen. Etwas Kulturaustausch kann nicht schaden, sage ich mir, und ein paar Stunden später steht ein mannshoher Steinturm vor mir. Ich bin zufrieden mit meinem heutigen Tageswerk. Ein unbezwingbarer Wasserfall bezwungen, viel meditiert und einen Steinturm gebaut. Was will das Globetrotter-Herz mehr!

Neue Begegnungen
Im Ashram treffe ich auch auf verschiedene andere Reisende, die mehr oder weniger lang hier abgestiegen sind und das Leben in der ruhigen Kommune geniessen. Da wäre die amerikanische Masseurin, die aber bereits in über vierzig anderen Berufen gearbeitet hat – meisst gleichzeitig wie sie erläutert. Oder das israelische Pärchen, er Börsenmakler, sie Ärztin, welche bereits vor mir die glitschige Erfahrung mit dem Wasserfall gemacht und mich auch entsprechend davor gewarnt hatten.

Mit seinem langen, braun-weissen Bart sticht der amerikanische Guru Sadi natürlich unter allen hervor. Sein rein weisses, wallendes Gewand und der ebenfalls weisse Turban verstärken die ehrfürchtige Erscheinung noch. Ich will von ihm wissen, was er denn im Leben vor dem „Guru“ war. „Nun“ beginnt er zu erzählen „ich wuchs in sehr konservativen Verhältnissen in der USA auf. Meine Eltern waren sehr christlich und ich selber war diesbezüglich ebenfalls stark engagiert. In den späten sechzigern traf ich dann einen Sikh-Guru der die USA bereiste und Yoga-Unterricht gab. Ich war damals sehr von Yoga und der Lebensweise der Sikhs fasziniert und entschloss mich zu dieser Glaubensrichtung über zu treten. Mich interessierte allerdings weniger die damalige Hippie-Bewegung, als vielmehr eine sehr strikte Verfolgung der indischen Sikh-Glaubenslehre. Meine Eltern waren natürlich schockiert und mit meinem Vater habe ich nach Eröffnung meines Entscheides fünf Jahre nicht mehr gesprochen.

Damals war ich ein aktiver Gewehrchütze auf Olympia-Niveau. Ich wollte auch, selbst jetzt als Sikh, in die Armee eintreten, was damals eine grosse Diskussion auslöste. Ronald Reagan hatte gerade ein Gesetz wieder aufgehoben, welches den Sikhs erlaubte Militärdienst zu leisten. Denn die Sikhs sind bekannt für ihre kämpferischen Fähigkeiten und stellen einen Grossteil der indischen Armee, obwohl sie nur einer Minderheit im Land angehören. Ich war also, um darauf zurück zu kommen, ein absoluter Sonderling. Viele wollten ihren Armeedienst verhindern, ich wollte das genaue Gegenteil! Es wurde damals breit in der Presse debattiert.“
Er erzählt mir weiter von seinen zwei missglückten Eheschliessungen und wie er sein Dasein als Guru finanziert. „Weisst Du, ich war nicht schlecht im Geschäften und mit einundfünfzig habe ich nun genug Kapital um davon leben zu können. Man braucht nicht viel in Indien“ fügt er grinsend an und zieht bedeutsam die Augenbrauen hoch.

Schliesslich lerne ich auch noch Catharina und Walter aus Chile kennen. Beide sind bereits seit einem Jahr unterwegs und machen sofort einen aufgeschlossenen und sehr freundlichen Eindruck auf mich. Sie erzählen mir von Chile, welches über ein sehr ähnliches Klima wie die Schweiz verfüge. Dementsprechend ist es Catharina hier dauernd zu heiss. Walter scheint es hingegen nicht zu stören. Beide waren vorher in Thailand und erzählen mir begeistert von ihrer Reise. Ich müsse unbedingt den Sonntagsmarkt in Chiang Mai besuchen und dann auch hoch nördlich bis Chiang Rai reisen. Dort gäbe es einen wunderschönen Park, die Winterresidenz des Königs. Ich könne ja dann weiter über den Mekong Fluss nach Laos reisen, wobei ich unbedingt ein Boot nehmen und nicht aus versehen in einen Bus steigen soll. Die Busse seien katastrophal, die Boote dagegen sehr angenehm. Dann könne ich ja Richtung Süden und via Kambodscha wieder nach Bangkok zurück reisen. Ach ja, und ich solle unbedingt die Westküste und nicht die Ostküste bereisen, denn da sei während meiner Reisezeit Monsun. „Nicht noch einmal“, denke ich und nehme die ganzen Reisetips dankend entgegen.

Genau so hatte ich mir das vorgestellt. Ha! Endlich bin ich wirklich Globetrotter, in guter Gesellschaft und mit tausend neuen Reiseplänen im Kopf. Davon hatte ich immer geträumt während ich alleine in Indien durch den Monsun tuckerte.

Am nächsten Morgen mache ich mich wieder auf zu meinem Maggia-Turm-Ganges-Meditations-Traumstrand und erlebe eine Überraschung. Jemand hat meinen Turm verschönert. Er ist nun mit Räucherstäbchen und rotem Tilaka (einem farbigen Pulver das oft bei religiösen Zeremonien Verwendung findet) verziert. Ich bin wohl gerade zum hinduistischen Schrein-Designer aufgestiegen.

Mittwoch, 16. Juli 2008

Drachen über Delhi


Drachen ueber Delhi
Originally uploaded by hobbes_ch
Die Luft ist heiss. Versteckt sich hinter einem stetigen Wind der über die Dächer von Delhi streicht und die Ausdünstungen der Grossstadt in sich trägt. Schwanger mit Millionen Düften und Gerüchen, die einem gleichzeitig die Sinne rauben und fasziniert schnuppern lassen. Man kann eine Stadt am besten an ihrem Geruch erkennen. Jeder einzelne Bewohner der Stadt findet sich darin wieder.

Es ist früher Abend. Die Sonne steht tief und taucht die Dächer in ein freundliches Licht. Sie haben die Härte verloren, die ihnen Tagsüber das unbarmherzige Gleissen der Sonne aufzwingt. Die Häuser wirken unfertig. Als sei die ganze Stadt noch im Aufbau. Werde nie fertig. Strebe ständig höher. Wie Pflanzen die der Sonne entgegen ranken. Im ständigen Kampf untereinander.

Mein Blick schweift langsam über die Dächer. Gegen den Ostwind. Bleibt an einem Punkt hängen. Erst halte ich es für ein Stück Papier, das vom warmen Wind gepackt wurde. Wie ein zappelnder Fisch. Immer wieder auf und ab trudelt. Zu entkommen versucht.

Ich erkenne das es ein Papierdrachen ist. Und er ist nicht der einzige. Duzende, wenn nicht hunderte davon tanzen über den Dächern. Manche nur wenige Meter hoch in der Luft. Als lernen sie erst grad fliegen. Andere hoch oben und einer, ein schwarzer, verschwindet sogar fast im Himmel. Klettert immer höher. Versucht aus dem Smog zu tauchen.

Etwas haben sie alle gemeinsam, diese Schmetterlinge der Dächer. Sie sind fröhlich und erfreuen das Auge. Die ganze Stadt erhält durch sie einen anderen Touch. Verspielt, freundlich, über sich selber lachend. Nicht das konservative, strenge Gesicht einer normalen Hauptstadt. Delhi hat sich verkleidet und weiss es nicht einmal.

Ich beobachte die tanzenden Drachen. Jeder Drache gehört einem Kind, das ihn von seinem Dach aus steuert. Jedes auf seine Art, so wie die Drachen auch jeder anders sind. Und doch sind sie alle miteinander verbunden. Denn es gibt nur einen Himmel über der Stadt, welcher nun ihnen gehört. Den Drachen und den Kindern. Der Himmel über Delhi ist ein einziger grosser Spielplatz seiner Kinder. Für ein paar Stunden bis es dunkel wird rebellieren die Kinder still und fröhlich gegen die Anonymität der Grossstadt. Recken ihre luftigen Hände in die Höhe und winken sich zu. Sie winken auch mir zu, der ich hier oben auf dem Dach stehe. Grinsend und zufrieden zurück winke. Fliegt, ihr Drachen von Delhi, fliegt.

Montag, 14. Juli 2008

Durch den Hexenkessel nach Delhi


Hektik am Abend
Originally uploaded by hobbes_ch
Eigentlich wollte ich ja den Zug nehmen, wie ich es sonst auch immer tue. Nur war das diesmal etwas schwierig. Sogar trotz intensiver Nutzung des Internets! Es gab nicht unbedingt grad viele Züge die nach Delhi fahren, wo ich ja hin muss denn von da geht mein Flug in die Schweiz. Was ich schon wieder in der Schweiz will? An eine Hochzeit! Und Fischstäbchen mit Mayonnaise essen, auf die ich mich schon so lange freue. Und danach dann wieder zurück nach Delhi.
Aber zurück zu den indischen Zügen, die mich im Moment ziemlich unbarmherzig von meinen Fischstäbchen trennen. Ich finde heraus, das es vier Züge gibt welche nach Delhi fahren. Zwei davon werden jeden Tag frischfröhlich gestrichen. Eine schlechte Wahl finde ich. Darauf bin ich auch schon reingefallen. Da steht man dann wie bestellt und nicht abgeholt am Bahnhof und schaut erst mal in die Röhre. Oder auf die Schiene, wo eben kein Zug steht.

Also einer der beiden verbliebenen Züge, die täglich fahren und einen zuverlässigen Eindruck machen. Einer scheint auch noch nicht so überbucht zu sein. Zwar sind keine Plätze mehr frei, aber ich komme mit Position Nummer sieben auf die Warteliste. Mit etwas Glück habe ich zwei Tagen das Ticket. Also buche ich den Zug, komme aber gar nicht erst so weit. Während dem Buchen sagt mir das liebe Programm, das mein Zug gar nicht nach Delhi fahre und ich bitte den Zielbahnhof aus der Liste auswählen soll. Aber den habe ich doch schon anfangs eingegeben. Eben Delhi, oder New Delhi, oder wie auch immer das da heisst. Aber keiner der mir bekannten Bahnhöfe ist in der angebotenen Liste. Auch ein Blick auf die Karte von Delhi bringt mich nicht weiter. Keiner der Zielorte hat irgend etwas mit Delhi zu tun. Ich bin überfordert und entschliesse mich den zweiten Zug zu probieren.

Alles nochmals von vorne. Doch diesmal gibt es sogar einen Bahnhof mit den Namen „New Delhi“ auf der Zugsroute. Das klingt doch ganz vernünftig und ich buche. Allerdings bin ich hier auf Wartelistenplatz Nummer dreizehn. Ermutigend! Aber ich bin ja nicht abergläubisch.
Einen Tag später dann aber schon, denn ich bin noch immer auf Platz dreizehn. Niemand streicht seine Reise und so wird mein mühsam gebuchtes Ticket einfach verfallen, wenn nicht noch ein Wunder passiert. Und auf Wunder will ich meinen Hochzeitsbesuch in der Schweiz nicht aufbauen. Also buche ich kurzentschlossen einen Flug. Der zweite Billiganbieter akzeptiert dann auch gnädigerweise meine Kreditkarte und ein paar Minuten später halte ich glücklich mein E-Ticket für Flug 831 nach Delhi in den Händen.

Zwei Tage später sitze ich noch glücklicher im genannten Flieger, verliere aber meine gute Laune gleich wieder, als der Pilot etwas von „little stormy“ durchgibt. Vermutlich habe ich ihn nur nicht richtig verstanden denke ich mir. Er ist schliesslich auch nur ein Inder und da kann schonmal das eine oder andere Missverständnis entstehen. Ich lehne mich also gemütlich zurück und wundere mich ein paar Minuten später über die hellen Leuchterscheinungen am Horizont. Als hätte die Stewardess meine Gedanken gelesen dimmt sie sogleich das Licht in der Kabine und nun kann ich es deutlich sehen. Der Himmel brennt. Ein Gewitter genau vor uns. Ping, das Anschnallzeichen erscheint. Ich will da nicht hin! Das heisst schon, aber nicht durch dieses Ding da draussen. Ich fange an zu schwitzen. Ich war noch nie mit einem Flieger in einem Gewitter. Geht denn sowas überhaupt? Darf man das denn? Ich meine, schliesslich beharren ja die netten Stewardessen sogar darauf das ich bei Start und Landung meinen iPod ausschalte. Irgendwie halte ich einen Blitz für bedrohlicher als mein iPod!

Ping, nochmals erscheint das Anschnallzeichen und die Stewardess verbietet das Verlassen des Sitzplatzes und die Benutzung der Toilette. Was hat denn das Gewitter mit der Toilette zu tun? Schlägt der Blitz etwa durch die Schüssel? Das Gewitter kommt näher. Mit achthundert Stundenkilometern und genau von vorne. Deutlich sieht man die Wolkentürme, wenn Zeus wieder einer seiner beängstigenden Attacken vollführt. Das Flugzeug beginnt zu schütteln. Mit feuchten Händen kralle ich mich an der Lehne fest. Und dann geschieht es. Genau auf Höhe des Flugzeugs, wenn auch einige hundert Meter entfernt, entlädt sich ein gewaltiger Blitz von Wolke zu Wolke. Ich warte das etwas passiert. Irgend etwas. Zum Beispiel dass das Triebwerk ausfällt oder in Brand gerät. Vielleicht sogar abfällt. Oder es irgendwo ein paar Funken gibt und Rauch austritt. Wie in den Filmen, wenn ein Gerät durchschlägt. Und dann würden natürlich diese gelben Sauerstoffmasken von der Decke fallen, die man aber wegen dem dichten Rauch gar nicht mehr finden könnte. Und die Stewardessen könnten auch das Feuer nicht löschen, welches durch die Funken entstanden wäre. Weil der Schlauch der Sauerstoffmasken viel zu kurz wäre und sie mit dem Feuerlöscher gar nicht bis zum Brandherd laufen könnten. Atmen und verbrennen oder löschen und ersticken. Arme Stewardessen!

Doch allen widrigen Erwartungen zum Trotz: Nichts passiert. Alles bleibt ruhig. Ich höre noch nicht mal einen Donner. Auch das Flugzeug fliegt inzwischen wieder ganz ruhig. Gespenstisch ruhig. Ich versuche wieder zu atmen und merke, das ich wohl bald erstickt wäre. Bevor das Flugzeug noch auf dem Boden zerschellt wäre.

Unter uns entfaltet das Gewitter sein ganze Macht. Wir scheinen gerade am Zentrum des Sturms vorbei zu fliegen. Schräg unter uns tobt ein irrsinniger Hexenkessel. In einem begrenzten Gebiet blitzt es unablässig. Als hätte die Wolken dort einen gewaltigen Kurzschluss der ständig überschlägt. So stelle ich mir die Entstehung des Lebens vor, denke ich mir. Ich sitze wie in einer Vergnügungsbahn in Disney-World, während unten ein unglaubliches Schauspiel abläuft. Dabei fliegen wir ruhig und ohne die geringsten Erschütterungen darüber hinweg. Mit offenem Mund klebe ich am und zwar bis wir sicher in Delhi gelandet sind. Erst dann kann ich glauben das wir soeben ein Gewitter durchflogen haben und schliesse meinen Mund wieder. Wie das allerdings fast ohne Turbulenzen möglich war werde ich wohl nie verstehen. Alles nur Show? War das grad echt?

Das Geschäft mit dem Paradies


21 03 16.1 N, 86 29 32.3 E
Für die Inder leben wir alle im Paradies. Einem unendlich schönen und unendlich reichen Paradies. Ganz im Gegensatz zu Indien. Wobei dies auch wieder nicht ganz stimmt. Da kommt den Indern dann der Nationalstolz in die Quere. Immer sehe ich mich mit der Frage konfrontiert: „How do you like India“. Ob da nun ein versteckter Minderwertigkeits-Komplex durchscheint oder ob sich in der Frage der Stolz einer Nation spiegelt, blieb mir bisher verschlossen. Ich dagegen bekräftige immer wieder, wie wunderschön doch dieses Land sei, all die verschiedenen Kulturen, traumhaften Gegenden und netten Menschen. Ich schwärme von der wunderbaren Landschaft um Hampi, dem eindrücklichen Wagenfest von Puri und den riesigen, wenn auch verregneten Stränden von Arambol. Dies zaubert regelmässig ein befriedigtes Lächeln in die Gesichter meiner indischen Gesprächspartner und doch folgt sogleich immer eine Anschlussfrage. Woher ich denn komme. Aus Genf oder Zürich. Es seien ja so schöne Städte mit riesigen Häusern und all die tollen Berge.

Die Schweiz ist den Indern einschlägig bekannt. Ihr Eindruck ist durch die zahllosen Bollywood -Filme geprägt, in denen die Schweiz als die Honeymoon-Destination bejubelt wird. Vermutlich wegen des kühlen Klimas. Bei den Schweizer Temperaturen schlägt das (unterdrückte) erotische Herz jeder Inderin und jedes Inders etwas höher. Da immer die gleichen Orte, nämlich Genf und Zürich, gezeigt werden, die eben in den Bergen liegen und wobei Zürich als Hauptstadt der Schweiz fungiert, ist dies auch das indische Bild der Schweiz. Und natürlich sind alle Schweizer Reich. Sehr reich. Ich werde auch immer nach meinem Einkommen gefragt und rede dabei regelmässig um den heissen Brei herum. Ich hätte ja gar kein Einkommen als Globetrotter und ausserdem wisse ich nicht wie viel das in Rupis sei. Und man könne das ja nicht so eins zu eins vergleichen. Ich bringe jetzt immer den erschreckenden Vergleich was ein Liter Mineralwasser in der Schweiz kostet. Etwa hundert Rupis. Dafür fährt man hier ein paar Hundert Kilometer mit dem Bus. Und das indische Wasser kostet nur einen Zehntel davon. Es entspringt allerdings auch nicht diesen wunderschönen Bergen die man in den Bollywood-Filmen immer wieder sieht.
Der junge Durchschnittsinder will also in die Schweiz. Und dann gleich bei mir wohnen. Ich hätte schon halb Indien in meiner nicht mehr existierenden Wohnung, währe ich auf all die Anfragen eingegangen. Da ist es dann sehr praktisch, eben gar nicht erst eine Wohnung zu haben, was eine dankbare und einleuchtende Erklärung ist, warum derzeit niemand aus Indien bei mir wohnen kann.

Mit der Zeit habe ich auch noch eine weitere Ebene dieser Scheinwelt gesehen, welche in Indien so populär ist. Mit der Vermittlung von Jobs im Ausland muss in Indien eine unglaubliche Menge Geld gemacht werden. Das fängt schon bei der Werbung im Fernsehen an, die allgegenwaertig ist. Karriere- und Jobplattformen aus aller Welt gaukeln da dem Inder vor, das genau er das fehlende Teil im Puzzle jeder westlichen Firma sei. Darauf aufbauend boomt das Ausbildungs-Geschäfts welches eine unendliche Bandbreite an In- und Auslandslehrgängen, vor allem im IT- und Netzwerk-Sektor, auf den Indischen Markt wirft. Abschlüsse aller Art werden hier per Internet angepriesen. Lehrgangsleitfäden können heruntergeladen werden und mit einem weiteren Klick erscheinen ein paar halbnackte Kalifornierinnen, die natürlich ebenfalls nur auf die Unterstützung aus Indien wartet.

Wenn man mit Indern spricht, die aber tatsächlich in der Schweiz leben und arbeiten sieht die Sache schon anders aus. Die kulturellen Unterschiede seien halt schon sehr gross und Kontakt zu einer Schweizerin herzustellen sei für einen Inder praktisch unmöglich. Ganz abgesehen davon, dass sie von den Eltern höchstwahrscheinlich nicht akzeptiert würde, falls sich tatsächlich eine Beziehung ergäbe. Denken doch viele indische Familien diesbezüglich noch sehr konservativ, sprich – geheiratet wird nur innerhalb der gleichen Kaste. Und mit den Jobs sei das auch nicht ganz so einfach, wie das in Indien immer angepriesen werde.

Trotz all dem hat fast jede reichere Grossfamilie heute irgendwo einen Verwandten in einem westlichen Land. Eigentlich müsste sich doch langsam herumsprechen, das die Realität in den westlichen Ländern manchmal etwas anders aussieht als es die Werbung es verspricht. Ja vielleicht ist dies sogar schon geschehen. Ich wurde erstaunlicherweise nie gross auf das Traumland USA angesprochen. Haben wir Schweizer die USA als beliebteste Zieldestination verdrängt? Ja, die USA sei nicht mehr sehr interessant für sie, erklärt mir ein junger Student auf einem Bahnhof von Bhadrakh, welches ebenfalls über eine Universität verfügt. Dann erklärt er mir wieso das so ist und ich verstehe kein Wort. Zu viel indischer Nasaldialekt für meine Ohren. Ich grinse und nicke nur freundlich, wie ich das in solchen Situationen immer zu tun pflege.
In „The Times of India“ lese ich etwas spaeter, das die USA immer noch das Hauptland für ein Auslandstudium sei, gefolgt von England und Deutschland. Die Schweiz ist gar nicht erwähnt. Wo liegt nun die Wahrheit? In Bollywood?
Vielleicht irgendwo dazwischen, denn auch der Times of India kann man nicht wirklich glauben, wird gemäss dem erwähnten Artikel doch in Deutschland immer noch mit Deutschmark bezahlt. Ausgerechnet im Euroland Deutschland!

Sonntag, 6. Juli 2008

Die meditierenden Fischer von Puri


Strand von Puri
Originally uploaded by hobbes_ch
Puris Strand hat einen kleinen Nachteil. Etwa zweihundert Meter vom Hotel entfernt münden sämtliche Abwässer der Kleinstadt als stinkende Kloake ins Meer. Diese mir etwas veraltet scheinende Entsorgungsmethode hat auch am Hotelstrand noch gewisse Nebenwirkungen, was meiner überschäumenden Badeeuphorie einen ebenfalls schäumenden Dämpfer verpasst. So mache ich mich denn auf die Suche nach Alternativen. Schliesslich ist die Indische Küste ja sehr umfangreich.

In freudiger Erwartung wandere ich in diametraler Richtung zur Kloake und erkenne auch alsbald eine deutliche Verbesserung der Wasserqualität. Am Ufer liegen zahlreiche hölzerne Fischerboote und dies gleich über einen stattlichen Strandabschnitt. Die lokale Fischerei hat sich offensichtlich gut entwickelt und beherrscht diesen Teil der Küste. Und noch etwas fällt mir auf und erstaunt mich doch sehr. In unregelmässigen Abständen kauern konzentrierte Fischer am Strand und warten meditierend auf die Flut. Das tiefreligiöse Verhalten der Fischer fasziniert mich und ich lächle ihnen beim Vorübergehen freundlich zu, ohne sie jedoch natürlich zu stark in ihrer Meditation stören zu wollen. Ihr konzentrierter und etwas starrer Blick zeigt mir auch alsbald, das sie keine Störung in der Meditation wünschen, was mich zu raschem Weitergehen bewegt. Der Strand fällt hier erst steil ab und verflacht sich gegen das Meer hin deutlich. Jetzt bei Ebbe ist er ziemlich breit und die Reihe am Rand meditierender Fischer gibt ein schönes Bild ab. Dazwischen spielen immer wieder Kinder und kommen mich strahlend und rufend entgegen.

Zwischen spielenden Kindern, meditierenden Fischern und Booten fällt mir noch etwas anderes auf. Leider kann auch hier der Strand nicht gerade als einladend bezeichnet werden. Jedenfalls nicht für potentielle Badegäste wie mich. Es ist fast wie am Arambol-Strand in Goa. Alle paar Meter deutet das pfündige und nicht gerade wohlriechende Überbleibsel eines Hundes auf eine sehr rege Verdauung des Tieres hin. Die Häufchen, und oft auch stattlichen Haufen, sind hier wirklich nicht zu übersehen und selbst als sehr wohlwollender Tourist mach der Strand einen relativ verschissenen Eindruck auf mich. Und doch gibt er mir gleichzeitig auch ein Rätsel auf. Ich habe auf der ganzen Strecke am Fischerdorf entlang bis jetzt nur einen einzigen Hund gesehen. Hunde sind hier lange nicht so zahlreich wie in Arambol. Wo kommen also alle diese Häufchen her?

Im gleichen Moment fällt es mir wie Schuppen von den Augen und das Rätsel des Strandes löst sich von selber. Die Häufchen stammen natürlich nicht von Hunden und die Fischer warten auch nicht meditativ auf die Flut. Es gibt ganz im Gegenteil einen direkten kausalen Zusammenhang zwischen Fischer und Häufchen und ich achte auf meinem etwas rascheren Weg zurück darauf, die kauernden Fischer nicht mehr ganz so grinsend oder noch besser gar nicht zu betrachten.

Samstag, 5. Juli 2008

Zu Rath Yatra in Puri


19 48 10.5N, 85 50 42.8 E

Einige Tage verbringe ich bei meinen neuen Freunden aus dem Arakku Tal in der beim zweiten Blick doch attraktiven Küstenstadt Visakhapnam. Es ist halt schon ein Unterschied, ob man von einem Reisebuch, oder einem lokalen Einwohner geführt wird. Im Fall von Visakhapnam eröffnet mir neuerlicher Besuch und die kundige Führung Praveens und Zacks, meiner Gastgeber, interessante Ausflugsziele, Restaurants, Strände und einen schönen Zoologischen Garten. Ausserdem macht die allumfassende Indische Gastfreundschaft das Erlebnis zu einem sehr preiswerten Ereignis, was mir zwar nirgends recht, aber hier so üblich ist. Und zwar mit Nachdruck, wie mir Praveen immer wieder zu verstehen gibt.
Bei den zahlreichen Unternehmungen ergeben sich auch immer wieder interessante Gespräche. Vor allem mit Zack, der mir ja schon das Geheimnis um „you can scroll“ lüften konnte. Bei einem Besuch seines Elternhauses erzählt er mir, als ältester Sohn sei er nun für seine Familie verantwortlich und nehme das auch sehr ernst. Wenn er nach Hause komme, hätten gefälligst alle zu Hause zu sein. Gestern sei sein Vater nicht rechtzeitig vom „Ausgang“ nach Hause gekommen, weshalb er ihn heute hätte bestrafen müssen. Er hätte ihm die Hälfte seines Geldes und seine Busfahrkarte aus der Brieftasche genommen, womit er ihm den heutigen Ausgang gestrichen hätte. Ich finde diese Tradition eigentlich eine ganz gute Idee und werde das alles bei Gelegenheit mal mit meinen Eltern besprechen. Schliesslich bin ICH ja dann nach Indischen Gepflogenheiten nun auch das Familienoberhaupt und da Mama sich mit ihrem Hang zu Ayurveda eh an Indischen Traditionen orientiert, sollte der Fall damit klar sein und Papa hat künftig auch zu Hause zu bleiben!

Schon wieder Indische Züge
Nach einigen Tagen will ich die Gastfreundschaft meiner neuen Freunde nicht weiter auf die Probe stellen und plane meine Weiterreise nach Puri. Dank Praveens schnellem Internet Zugang wird dies über die Internetseite der Indischen Bahn (für Indien-Reisende: http://www.irctc.co.in) diesmal zu einem wahren Vergnügen. Nichts mit Anstehen, Warten und Ärgern. Na ja, ein Bisschen zwar schon, den die Seite stürzt schonmal ab oder bringt nur die halben Daten und nur die wenig hilfreiche Meldung „Communication Error“. Nach einigen Versuchen habe dann aber doch die richtigen Züge gefunden und gebucht. Komischerweise sind sehr viele Züge nach Puri völlig ausgebucht und ich muss mich mit einer Warteliste begnügen. Ich wundere mich schon, warum das kleine Puri derzeit so begehrt ist. Es gelingt mir auch nicht eine Wartezeit bei einem Zwischenhalt zu verhindern, in dem ich wohl oder übel acht Stunden über Nacht auf den nächsten Zug warten muss. Doch ich bin ja gut orientiert und weiss das es so genannte „Rest Rooms“ am Bahnhof gibt, in denen man solche Wartezeiten einfach gemütlich „verschlafen“ kann.

Einige Stunden später werde ich gewahr, das gemeinerweise auch viele andere Reisende von diesen Rest Rooms wissen und leider schneller waren als ich. Die rundliche, mürrisch blickende Matrone am Eingang weist mich murmelnd in Richtung Wartesaal für Hochklasse-Reisende. Der ist zwar zumindest leicht klimatisiert und nicht ganz so überfüllt wie der restliche Bahnhof, aber in den Stühlen lässt sich unmöglich schlafen. Ich probiere es auf alle Arten und Weisen, still motiviert von den Indern die in den Stühlen um mich herum allesamt in friedlichen Schlaf versunken sind.

Ich schaffe es nicht. Stunde um Stunde verrenke ich mich mehr, um doch noch die ideale Position zu finden und endlich einzuschlafen. Halb liegend, mit dem Kopf auf der Rückenlehne, auf die Armlehne gestützt, nach vorne gebeut, Seitwärts sitzend, mit den Beinen auf dem Rucksack... keine Chance. Es lässt sich in diesen Sitzen nicht schlafen. Basta! Nicht für einen Europäer. Die Inder müssen eine Art variable Knochen haben, die bei Bedarf ihre Steifigkeit verändern und somit in jeder Positionen einen erholsamen Schlaf garantieren. Diese These würde auch die praktische Anwendbarkeit der Kamasutra erklären.

Nach einigen Stunden gebe ich es auf einschlafen zu wollen und schlafe ein. Kaum bin ich endlich ins sehnlichst erwünschte Traumland entschwunden, werde ich auch gleich wieder von einem sehr hilfsbereiten Aufseher geweckt. Ja wohin ich denn wolle. Ach nach Puri. Ja der Zug gehe um vier Uhr fünfzehn. Das sei nicht meiner? Ach so, meiner ginge um sechs Uhr. Ja dann sei ja noch Zeit. Allerdings!!! Viel Zeit!! So viel Zeit, das ich noch mindestens zwei Stunden hätte weiter schlafen können. Die kann ich mir jetzt aber ans Bein streichen, denn jetzt schaffe ich es definitiv nicht mehr nochmals einzuschlafen.

Zum Glück hat mein Zug nach Puri dann auch noch eine Stunde Verspätung, was mir aber egal ist denn es kommen dauernd Durchsagen von gecancelten Zügen und ich habe schon Angst, nochmals ein paar Stunden im Wartezimmer verbringen zu müssen. Um knapp viertel nach sieben fährt mein Zug dann endlich ein, ich ergattere meinen sehnlichst erwarteten Liegeplatz und bin nach zwei Minuten eingeschlafen. Nur zwei Ereignisse stören ab da meinen Schlaf. Der Schaffner der mein Ticket sehen will und der Bahnhof von Puri, der mich erfolgreich zum Aussteigen bewegt.

Ein überraschendes Fest
Im Bahnhof von Puri steigen erstaunlich viele Leute aus. Ich hatte so etwas wie Goa oder Hampi erwartet. Ein paar Tempel, zwei drei Touristen und ein paar vereinzelte Inder. Hier jedoch sind Massen unterwegs. Na ja, vielleicht ist ja ein Markt oder so etwas denke ich mir und suche eine Rikscha. Die werden hier teilweise noch mit reiner Muskelkraft betrieben. Meist von dürren Männchen, die schwitzend und kämpfend die Fahrrad ähnlichen Gefährte die Küstenstrasse entlangwuchten. Ich bin zwar froh nach dieser kurzen Nacht ohne Abendessen und Frühstück meinen riesigen Rucksack nicht zum Hotel schleppen zu müssen, aber der Rikschafahrer tut mir trotzdem leid. Ihm aber keine Arbeit zu geben wäre wohl auch verkehrt und somit erleichtere ich mein schlechtes Gewissen, indem ich ihm ein stattliches Trinkgeld bezahle.

Mein dicker Reiseführer empfiehlt in Puri das „Z“ Hotel. Der Name ist nicht nur bescheuert, sondern für Inder auch absolut unverständlich, weil sie den Buchstaben „Z“ nicht aussprechen können. Erst das auf die Hand gemalte Z hat bei meinem Rikschafahrer den Groschen zum Fallen gebracht. „Ahh, you mean Ssääääd Hotel!“ und schon bald stehe ich davor und kriege auch gleich ein schönes, günstiges, helles Zimmer mit Meerblick. Ein voller Erfolg. Die Menükarte des Restaurants weist sogar Käsetoast und Spaghetti auf und ich bin somit im Tramper Himmel.

Ich frage den Hotelier beim Einchecken, warum denn so viele Leute in Puri seien. Er blickt mich völlig entgeistert an. Ja ob ich denn das nicht wisse. Morgen werde hier das Wagenfest „Rath Yatra“ gefeiert, zu dem hunderttausende Inder erwartet werden. Ich hätte grosses Glück gerade jetzt hier zu sein. Oh ja, das habe ich allerdings. Erst jetzt lese ich im Reiseführer, das zu diesem Festival sämtliche Hotels restlos ausgebucht seien und man Züge schon Monate im voraus reservieren müsse, um überhaupt noch einen Platz zu ergattern. Das Glück ist offensichtlich mit den Unwissenden und ich schlafe schon kurze Zeit später in meinem gemütlichen, grossen Hotelbett zu sanftem Wellenrauschen ein.

Am nächsten Morgen lerne ich Boris kennen, einen Deutschen Ethnologie-Studenten, der in Indien eine Arbeit über Tribalismus schreibt und das Zimmer gleich neben mir gebucht hat. Boris erklärt mir, das an diesem Tag die Statuen der Götter Jagannath (einer Inkarnation Vishnus), seinem Bruder Balbhadra und seiner Schwester Subhadra mit riesigen, hölzernen Wagen vom Jagannath-Mandir Tempel in den etwa einen Kilometer entfernten Gundicha-Mandir Tempel gezogen würden. Dabei werden die schweren Statuen aus Stein wirklich physisch in die Wagen verladen und von hunderten Pilgern mit dicken Seilen die Hauptstrasse entlang gezogen.

Das Festival hat nicht nur einen religiösen, sondern viel mehr auch einen politischen Hintergrund. Die Tempel welche die Götter-Statuen normalerweise beherbergen sind nicht allen gläubigen Hindus zugänglich. Das Rath Yatra Festival ist die einzige Gelegenheit für sämtliche Gläubigen und sogar Touristen die Statuen zu Gesicht zu bekommen.

Auf ins Getümmel des Rath Yatra Festivals
Ich rüste mich also mit möglichst nichts aus, um den sicherlich anwesenden Dieben keine Gelegenheit zu geben, mir die Freude am grossen Fest zu versauen. Ausserdem möchte ich so mitten rein ins Getümmel. Baden in den Massen. Feiern wie die Inder.
Ich folge vom Hotel einfach dem kontinuierlichen Menschenstrom. Nur bewaffnet mit meiner Kamera. Die Massen ziehen Richtung Strand, wo sie sich in rituellen Waschungen auf das Fest vorbereiten. Jedenfalls stelle ich mir das so vor, denn von den komplizierten Abläufen des Rath Yatra Festes habe ich keine Ahnung. Ich sehe nur viele Inder die sich ins Meer stürzen und sich umfangreich die Füsse waschen.

Danach geht es durch enge Gassen vorbei an nicht endend wollenden Süsswahren-, Stoff-, Haushalts- und Schmuckgeschäften. Am Rand der Geschäfte hocken duzende wenn nicht hunderte Bettler auf der dreckigen Strasse. Allesamt haben sie eine Schale mit Reis und vereinzelten Münzen vor sich stehen. Viele Pilger spenden den bedürftigen etwas Reis oder ihr Kleingeld. Die Bettler sind oft erschreckend verstümmelt und ihre Arm- und Beinstümpfe sind verbunden. Ohne genaue Kenntnisse Ihrer Krankheit erinnert mich dieses Bild doch sehr an die Lepra-Plakate, die manchmal auch in der Schweiz zu sehen sind. Etwas beschämt frage ich mich, ob da nicht etwas war mit einem Lepra-Mittel von Novartis, welches der Pharma-Gigant bis zur Ausrottung der Krankheit anscheinend kostenlos an Betroffene abgeben wollte. Diese Menschen hier sind offensichtlich noch nicht in Genuss dieser Hilfe gekommen. Oder etwa doch? Sind dies nur die unheilbaren Verstümmlungen der schrecklichen Krankheit?

Ein paar hundert Meter weiter verdichten sich plötzlich die Menschenmassen und am Ende der Gasse ist der mit rotem, gelben und goldfarbenem Stoff reich verzierte riesige Wagen auszumachen. Davon gibt es drei und die sind auf dem Platz hier am Eingang zur grossen Hauptstrasse „parkiert“. Da hier verschiedene Pilgerströme zusammentreffen, wird das Gedränge immer grösser. Es wird gedrückt und geschoben, gequetscht und gedrängelt. Die Luft ist unerträglich warm und scheint zu stehen. Durch die riesigen Menschenmassen hat sie eine Feuchtigkeit angenommen, die mir fast den Atem raubt und die mit unglaublicher Gewalt drängenden Menschenmassen verbessern diesen Umstand auch nicht gerade. Es liegt ein süsslicher, schwerer und leicht nach Indischen Gewürzen riechender Geruch in der bleiernen Luft. Ich versuche meinen Kopf noch etwas höher aus den Massen zu recken, aber die Luft ist da auch nicht viel besser.

Zum ersten Mal frage ich mich, ob es wirklich eine gute Idee war, sich gerade hier hinein zu wagen. Aber ich hatte es ja eigentlich gar nicht geplant und lasse mich somit einfach weiter schieben. Später erfahre ich, dass an dieser Stelle am Morgen sechs Personen im Gedränge ums Leben kamen. Vielleicht war es gut das ich es nicht wusste, denn so war das Erlebnis in den Indischen Massen für mich einfach nur spannend und nicht wirklich eine Bedrohung.

Nachdem ich wie ein Pingpongball auf rauer See wild umhergeschoben wurde, glücklicherweise immer rund einen Kopf über dem Indischen Durchschnittsbürger, lande ich ungewollt in einer Nebengasse in der das Gedränge sich auflöst und ich über einen Umweg etwas weiter vorne wieder in die Hauptstrasse einbiege. Hier sind die Massen zwar Umfangreich, aber durch die breite der Strasse ist das Gedränge nicht weiter schlimm. Ich mache mich auf die Suche nach einem geeigneten Haus mit Dachbalkon als Fotoplattform. Vor den ersten Häusern die ich anpeile stehen nette Menschen die weniger nette Vorstellungen von tausend Rupien (etwa fünfundzwanzig Franken) für eine Dachbesteigung haben. So viel Geld habe ich gar nicht dabei und lasse die unverschämten Abzocker dies auch wissen. Ich gehe weiter und entferne mich so von den Wagen, was sich auch auf die Dachbalkonpreise auswirkt. Bald sind es nur noch fünfhundert, dann dreihundert Rupien.. Ich ärgere mich, nur etwa hundert Rupien mitgenommen zu haben und gehe aufs nächste Gebäude zu. Ich habe zwar keine Ahnung um was es sich dabei handelt und ob man es überhaupt betreten darf. Es sieht aus wie die Mischung zwischen Hotel und Tempel, aus dunkelbeigem Sandstein. Niemand hindert mich am Betreten und ein freundlicher Polizist im Innenhof organisiert mir auch kurzentschlossen eine Erlaubnis zum Besteigen des riesigen Daches. Kostenlos! Na also, es braucht manchmal nur etwas Geduld. Das war ja auch bei der Eisenbahn schon so.

Kurze Zeit später vertreibt ein beleibter Inder mir ein paar Halbwüchsige von einem Balkonvorsprung und verschafft mir damit einen wahrlichen Logenplatz zum Fotografieren. Dies, nachdem ich ihm etwas meine Spiegelreflex-Kamera erklärt hatte und ihn sogar ein paar mal durch mein Zoom-Objektiv durchschauen liess. Solche Dinge verschaffen einem in Indien schnell Freunde und wie ich wieder einmal feststellen musste sind Freunde in Indien sehr hilfreich.

Von meinem Logeplatz aus kann ich die ganze Hauptstrasse mit den rund fünfhundert tausend Menschen überblicken, die in allen erdenklichen Farben unter mir dahin wuseln. Zwischen den unglaublichen Massen versuchen Ambulanzen ihren Weg durch die Massen zu pflügen. Angeführt von joggenden Polizisten welche die Menge zur Seite drängen. Fast im Minutentakt werden so kollabierte Pilger vom Platz geschafft.

Pünktlich um vier geht es richtig los. Mit lautem Getöse wird der rund vierzehn Meter hohe Hauptwagen die Strasse entlang gezerrt. An vier schenkeldicken Tauen hängen viele hundert Pilger und Tempelangestellte und reissen im Kommando des Wagenführers das schwere Gefährt vorwärts. Immer wenn es sich bewegt jubelt und schreit die ganze Masse und der mit hinduistischen Priestern gefüllte Wagen feuert sie mit lauter Musik an. Die ganze Szene hat etwas unglaublich chaotisches, was aber doch von einer kaum erkennbaren Ordnung überdeckt zu sein scheint. Das Festival ist fast sinnbildlich für Indien, mit seiner unüberschaubaren Masse an Völkergruppen, Kasten und Sprachen die doch irgendwie alle in einem Land vereint zu sein scheinen. Boris erläutert mir jedoch später, das dieser nationalistische Gedanke nach wie vor durchaus sehr umstritten sei und eher durch die Portugiesen und später Briten geprägt wurde. Vorher sei Indien in viele Königreiche (ähnlich den Deutschen Fürstentümmern) aufgeteilt gewesen. Auch heute noch hätten die Indigenen Völker für sich den Anspruch auf Königlichkeit, was jedoch natürlich auf deutliche Ablehnung beider regierenden Oberschicht Indiens trifft. Diese würde die Indigenen Völker lieber mit gebundenen Subventionen, zum Beispiel zur Entwicklung des Ananas -Anbaus, unterstützen und damit in ein Angestelltenverhältnis drängen, in welchem die Hierarchien rein schon aus kommerziellen Gründen klar gegeben sind.

Im Getümmel des Rath Yatra Festivals ist von alle dem jedoch nicht viel zu erkennen. Das Fest verläuft gemäss meinem Eindruck weitgehend friedlich und die kunterbunte Menschenmassen feiern gemeinsam ihre Gottheiten und ich habe meinen Spass im ganzen Tohuwabohu.

Sonntag, 29. Juni 2008

Neue Freunde im Arakku-Tal


18 12 46.4N, 83 02 18.8 E

Nach einer ziemlichen Irrfahrt bin ich endlich in meiner Waldhütte im Arakku-Tal angekommen. Leider hat mir eine mitreisende Inderin erst die falsche Auskunft gegeben, mein Zielbahnhof „Tyda“ käme erst nach dem grösseren Ort Arakku. Also blieb ich sitzen, worauf mir ein anderer Mitfahrer erläuterte, an Tyda seien wir aber längst vorbeigefahren. Schon vor einer Stunde! Ich müsse zurück nach Arakku und von da mit dem Buss weiter. „Aber wie denn“ fragte ich mich. Wir waren längst mitten im Nirgendwo. „Steigen sie beim nächsten Halt aus und fragen sie den Bahnhofvorsteher. Der erklärt ihnen wie sie zurück kommen“ erläutert mir der nette Herr. Noch beim Aussteigen erklärt mir ein anderer, wo ich ein Taxi kriege und wo ich den Bahnhofvorsteher finden könne. Hilfsbereit sind sie wirklich, die Inder, das muss man ihnen lassen! Selbst wenn sie einem manchmal absoluten Quatsch erzählen, sie meinen es immer gut. Man darf sich halt nicht auf eine einzelne Auskunft verlassen. Am besten frägt man drei unabhängige Passanten und hofft wenigstens zwei gleiche Auskünfte zu erhalten.

Nachdem ich mit zwölf (!!) anderen Reisenden plus meinem riesigen Rucksack im winzigen Motorikscha wieder zurück nach Arakku und im lokalen Bus bis nach Tyda getuckert bin, erreiche ich einige Stunden zu spät aber doch happy meine Waldhütte im Ressort mit dem schreienden Namen „Jungle Bells“. Die Luft ist frisch, feucht und kühl. Überall wimmelt es von Insekten und die hallenden Rufe exotischer Vögel durchdringen den dichten Wald. Es ist wahrlich ein halber Dschungel der das Ressort umgibt. Leider sind auch hier keine einzigen ausländischen Touristen zu sehen und ich bin schon wieder der „Rote Hund“ und werde von vielen neugierigen Blicken verfolgt. Doch daran habe ich mich längst gewöhnt und schnell komme ich mit den anwesenden Indern in Kontakt. Zuerst mit einem freundlichen Taxifahrer, der von einer Indischen Familie gleich für ein paar Tage „gemietet“ wurde und einfach im Taxi übernachtet.

Am nächsten Morgen sitzen am Nachbartisch zwei junge Inder. Der kleinere mit wohl gestutztem Vollbart, etwas traurigem Dackel-Blick und modischer Frisur. Der grössere mit Lederjacke und dem Aussehen eines Indischen Motorradgang-Bosses. Die beiden sind so gegensätzlich das es zum Himmel schreit, sehen aber irgendwie sympathisch aus. Sie haben einen entspannt frechen Umgangston und so kommen wir gleich ins Gespräch. Ich erfahre das die beiden langjährige Freunde sind, zusammen eine Firma gegründet haben und Zack (der kleinere) von Praveen (dem mit Lederjacke) heute Nacht um drei spontan zu einer Motorradtour abgeholt wurde. Zack hätte sich drum grad von seiner Freundin getrennt und jetzt kümmere sich Praveen um ihn. Wie sich das für gute Freunde gehört.

Die beiden wollen zu den Borra-Höhlen, was auch mein Ziel für heute ist und drum schliesse ich mich ihnen freudig an. Wir fahren zu dritt auf Praveens Motorrad zu den Höhlen. Das geht erstaunlich gut! Entweder sind Indische Motorärder anders gebaut, oder Inder benötigen darauf einfach weniger Platz. Jedenfalls ist die Fahrt unterhaltsam und bequem.

Am touristisch wirkenden Eingang der Borra-Caves müssen wir erst einmal abwarten, denn die Höhlen öffnen erst eine halbe Stunde später. Praveen nutzt die Gelegenheit und schläft erst mal nach. Währenddessen haben Zack und ich sehr interessante Gespräch über kulturelle Unterschiede zwischen Europäern und Indern. Zack scheint gut orientiert zu sein. Er erklärt mir viel über den Unterschied zwischen Indischen und Europäischen Ehen. „Too much trying spoils the taste“ findet er. Die Inder seien sich gewohnt, eine Situation als gegeben hinzunehmen und das Beste daraus zu machen. Er persönlich entscheide sich immer nur einmal. Wenn er zum Beispiel seine Freundin nicht zurück bekomme, dann wolle er gar keine Frau. Ich frage ihn, was denn das Problem sei mit seiner Freundin. Sie sei Katholikin und er Moslem, erklärt er mir. Um heiraten zu können, müsse sie konvertieren, was sie aber nicht wolle. Er hätte ihr zwar das Angebot gemacht zuerst nach christlichem Glauben kirchlich zu heiraten und dann zu konvertieren, aber auch darauf sei sie bis jetzt nicht eingegangen. Mit der Zeit merke ich, dass das Problem weniger bei Zack oder seiner Freundin liegt, sondern bei deren Umfeld. Die Familie in die sie eingebettet sind bedeutet ihnen alles. Keiner von beiden will die Gefühle seiner Eltern verletzen und das macht die Situation ziemlich hoffnungslos. Ob sie denn überhaupt heiraten müssen, frage ich ihn. „Kinder ohne heiraten?“ will er entsetzt von mir wissen. „No way. They would kill me!“.

Zack erzählt mir später auch, dass es immer mehr „Love Marriages“ gäbe in Indien und gleichzeitig auch die Scheidungsrate extrem ansteige. Für ihn scheint es gar nicht so einen Unterschied zu machen, ob er seine Freundin nun von ihm, oder von seinen Eltern ausgesucht sei. Er sei nur mit fünfundzwanzig Jahren langsam ziemlich alt und sollte endlich heiraten. Die ersten Bekannten hätten bereits angefangen unangenehme Fragen zu stellen.

Das Geheimnis um „But you can scroll!“

Im Verlauf des Gesprächs über kulturelle Unterschiede lüftet mir Zack auch zum ersten mal den Schleier um ein Geheimnis, welches seit Jahren in meinen Gedanken herum spukt. Vor einiger Zeit durfte ich in einem Projekt mit Indern arbeiten. Wir mussten für eine Bank verschiedene Programme erstellen und ich hatte die Rolle des Projektleiters.
Unter anderem sollten wir ein Programm ausarbeiten, welches in einem Fenster eine Liste zur Überprüfung einiger Daten darstellt. Ich erklärte meinem Indischen Programmierer den Sachverhalt und was das Programm tun soll. Er nickte fleissig, wobei das Indische Kopfgewackel nicht immer eindeutig als „Ja“ zu identifizieren ist und das meines Programmierers eine ganz besondere Knacknuss für mich darstellte. Ich frage also nochmals nach ob er alles verstanden habe. Kopfgewackel. Ich schaute ganz genau hin, war aber immer noch nicht sicher. Erst nach dem dritten Nachfragen entlockte ich ihm endlich ein akustisches „yes“ und damit die Bestätigung das alles klar sei. Er machte sich an die Arbeit.
Nach einiger Zeit rief er mich zu sich, er sei fertig mit dem Programm. Ich sah auf seinem stattlichen neunzehn Zoll Bildschirm ein winziges Fensterchen mit der gewünschten Liste. Leider sah man nur einen kleinen Ausschnitt davon. Ich erklärte ihm also, das Programm sei ja ganz schön und die Daten ok, aber das von ihm programmierte Fenster sei etwas klein. Er hätte doch soooo viel Platz zur Verfügung. Er meinte darauf hin nur ziemlich pikiert „yes, but you can scroll!“.

Damit war das Thema für ihn denn auch erledigt. Ich hätte es ihm das ja nicht so spezifiziert und ich könne mit hin- und her- und rauf- und runterscrollen alles sehen was ich wolle. Also sei das Programm richtig! Es bedurfte beträchtliche Überredungskunst um meinen Inder davon zu überzeugen, das ich gerne ein grosses, übersichtliches Fenster hätte, in dem man die ganze Liste am Stück sehe! Am besten eins, das den GANZEN Bildschirm ausnutzt.
Noch lange war mir unverständlich, wie die Denkweise so unterschiedlich sein kann, wo mir die Ausganslage doch so klar erschien. Warum konnte sich mein Inder nicht in die Situation und Anforderungen eindenken. Die Intelligenz dazu hatte er durchaus.

Zack konnte mir hier nun eine ebenso simple wie einleuchtende Erklärung geben. Inder seien sehr Hierarchiegläubig. Wenn sie nun einen Auftrag bekämen, würden sie genau das erfüllen, was der definierte Auftrag beinhalte. Nicht weniger, aber auch auf keinen Fall mehr. Wenn sie mehr umsetzten würden, wäre das ein klares Signal, dass sie auf den Posten ihres Auftragsgebers scharf seien. Da sie diesen aber nicht durch übermässigen Ehrgeiz verärgern wollen, würden sie die „Provokation“ gar nicht erst in Betracht ziehen. Nur was spezifiziert ist wird auch umgesetzt. Damit ist der Vorgesetzte zufrieden und fühlt sich nicht übergangen.
Mein Programmierer wollte mir also nur den nötigen Respekt zollen und hat mich darum die ganze Zeit wie wild scrollen lassen. Wer hätte das gedacht! Danke Zack, das nächste mal weiss ich Bescheid.

Dienstag, 24. Juni 2008

Die Schwierigkeit in Indien ein Zugticket zu kaufen


17 42 57.6N, 83 17 37.2 E


Nein, es ist nicht überall das selbe und ich will durchaus nicht verallgemeinern. In Mumbai war es sogar erstaunlich einfach. In wenigen Minuten hatte ich mein Ticket. Auch in Hyderabad ging es unindisch schnell und fast unbürokratisch. Der Beamte murmelte zwar was von „write here 2728 and there your passport number and address“, aber als ich das brav und ohne murren machte, stellte er mir umgehend mein Ticket nach Vishakapatnam aus.

Vishakapatnam, ein Ort den man nicht nur schwerlich schreiben, geschweige denn aussprechen kann. Ein Mekka der Tippfehler und und eine Hochburg Indischer Ticketbeamten. Alles begann damit, das ich endlich ein fensterloses Zimmer mitten im schmuddeligen Hafenort gefunden hatte und bar des wenig verlockenden Verlieses schnell weiterziehen wollte.

Ich trampe also in altbewährter Manier im Motorikscha zum Bahnhof und sehe mich erst mal um. Ihr müsst wissen, man kann in Indien nicht einfach in die Schalterhalle gehen und dort sein Ticket kaufen. Schalterhallen gibt es, soviel ich inzwischen gelernt habe, mindestens zwei. Eine, in der man NUR Tickets für den gleichen Tag kaufen kann und eine, in der man Tickets für Folgetage reservieren darf. Eben das Reservation Office. Eigentlich logisch, wenn man's erst mal kapiert hat.

Also betrete ich voller Elan die grosse Halle des Reservation Office, wo mir die drückende, heisse Luft im Innern erst mal die euphorische Reisestimmung nimmt. Vor mir tummeln sich etwa tausend andere Reisende die alle auch ein Ticket reservieren wollen. Schnell wird mir anhand der riesigen Leuchtzifferanzeigen klar, dass das hier nach einem Ticket-System funktioniert. Wie auf der Post. Das ist ja einfach, denke ich mir und ich muss erst noch nicht drängeln, weil mit dem Ticket-System ja alles seine Ordnung hat! Oh wie naiv bin ich doch manchmal.

Bevor man überhaupt ein Warte-Ticket beziehen kann, muss man ein Reservierungs-Formular ausfüllen. Ich habe keine Ahnung wo man das hier kriegt, renne also hin und her wie ein nervöses Huhn und finde zufälligerweise eines auf einer Theke liegen. So mache ich mich fleissig daran alle Daten auszufüllen. Vieles ist einfach. Wann ich reise, von wo und wohin, wie viele Plätze usw. Aha, hier hats sogar ein Feld für die Adresse. Das ist neu! Und eins für die Zugsnummer. Aber ich habe keine Ahnung was für ein Zug das sein soll und schon gar nicht welche Nummer der denn hat. Also mache ich mich auf die Suche nach der fehlenden Information.

An der Wand hängen riesige Tafeln auf denen handschriftlich reihenweise Züge aufgelistet sind. Wie das überdimensionale Tagesmenü eines Restaurants. Die Hälfte davon kann ich nicht lesen, denn alles ist in schnörkeliger Hindi-Schrift. Doch die rechte Seite hilft mir weiter! In leserlichem Englisch steht Zug um Zug an der Wand. Ausser natürlich der Zug den ich nehmen wollte. Der ist nirgends zu finden. Ein Zug nach Arakku gibt es nicht. Wenigstens ist er heute nicht im Angebot. Ich muss wohl etwas anderes bestellen.

In einer Ecke finde ich schliesslich ein Computer. Allerdings sieht der eher aus wie ein uralter, riesiger Taschenrechner und hat nur einen Nummernblock mit den Ziffern null bis neun als Bedienungselement. Ich versuche also trotz der bescheidenen Eingabemöglichkeiten den Computer dazu zu bringen, mir zu sagt welcher Zug von Vishnadingsa nach Arakku fährt. Wer je versucht hat Vishakapatnam mit den Ziffern null bis neun auszudrücken kann verstehen, dass dies ganz und gar unmöglich ist. Ich kriege nicht mal ein „V“ hin. Ja ich wüsste ja nicht mal wie man den doofen Ort mit einer „normalen“ Tastatur schreibt, geschweige denn mit diesem Dings da. Der störrische Kasten will nur immer die Zugsnummer von mir wissen. Ja, DIE könnte ich natürlich mit der Tastatur eingeben. Aber DIE WEISS ICH JA NICHT! So bleiben der Computer und ich also bei der gleichen Frage hängen und ich gebe nach einigen Minuten auf und lasse das Feld auf meinem Formular einfach leer. Vielleicht kann ich ja auch so eine Wartenummer bekommen, mit der ich dann endlich anstehen darf.

Aber wo um alles in der Welt kriegt man eine Nummer zum Anstehen her? Ich suche die ganze Halle nach einem Knopf ab den ich drücken kann. Neugierig verfolgt von den Blicken tausend wartender Inder. Klar, ich könnte jemanden fragen, aber dann müsste ich auch wieder alle obligaten Gegenfragen wie „where do you com from?“, „what's your name?“ und „how many children do you have... WHAT, YOU ARE NOT MARRIED????“. Dafür habe ich genau jetzt aber keine Nerven und suche lieber alleine weiter.

Ah da! An der Wand steht „Get your Token at Counter No 10“. Aha! Man muss dieses Ansteh-Ticket also an einem Schalter lösen! Und da laufe ich auch gleich hin, und.... der Schalter Nummer zehn ist geschlossen. Keine Chance ein „Token“ zu kriegen. Aber beim Schalter Nummer elf tummelt sich eine ganze Menge Leute und einer der Wartenden weist mich auch ungefragt darauf hin, das ich hier mein Token bekäme. Ich muss ihm nicht mal sagen das ich Schweizer bin, Alessandro heisse und tatsächlich mit vierzig Jahren noch NICHT verheiratet bin. Oder nicht mehr. Aber damit würden dann wohl tausend Inder in Ohnmacht fallen und das will ich ja auch nicht riskieren.

Ich stehe an. Nach einiger Zeit des wartens schliesst die korpulente Frau am Token-Schalter einfach das kleine Fensterchen und hängt ein „Closed“ Schild davor. Eine Lautsprecherstimme trötet etwas von „closed for 15 minutes“ und wiederholt es mindestens zwanzig mal. Die ganze Schlange mit mir ist etwas empört und einige klopfen sogar ans Fensterchen. Es nützt alles nichts. Die Schalterbeamtin spielt nicht mehr mit und schwatzt unbekümmert mit ihrer Kollegin. Wie auch alle anderen Schalterbeamten, denn die Pause gilt offensichtlich gleich für alle, ausser für die tausend Inder und den einen Schweizer die weiter warten.

Immer mehr Leute stehen, hocken und dösen in der Schalterhalle. Zehn Minuten, fünfzehn Minuten, zwanzig und da, endlich. Die rundliche Beamtin dreht sich wieder um und nimmt nach einigen demonstrativ gemächlichen Aufräumhandlungen endlich wieder die ersten Formulare entgegen. Nach ein paar Minuten sogar meins. Sie sagt nichts zum fehlenden Zug und heftet ein kleines Zettelchen mit der Aufschrift „Token No 822“ daran.

Fassen wir zusammen: Alles in allem habe ich jetzt vielleicht eine Dreiviertelstunde nur damit verbracht endlich mit anstehen beginnen zu dürfen. Oh wie lob ich mir doch die SBB-Ticket Automaten. Aber ich wollte ja reisen und zwar nicht in der Schweiz, sondern in Indien wo man das halt so macht.

Ich stehe also endlich an. Das heisst, ich setze mich erst mal hin. Ich habe einen freien Sitzplatz gefunden und da die riesigen Token-Anzeigen derzeit bei der Nummer 732 stehen, dürfte es wohl noch eine Weile dauern bis ich an der Reihe bin. Neben mir nimmt ein Inder mit aufgeweckten Gesicht Platz und stellt mir die drei obligaten Fragen. „Switzerland, Alessandro, no wife no kids but a girlfriend“. Warum wollen ALLE Inder immer genau das gleiche wissen? Gibt es in der Indischen Grundschule so etwas ähnliches wie einen obligatorischen „Was-Frage-ich-einen-Europäer“ Kurs?

Als Gegenleistung frage ich ihn nun, wie meine Zugsnummer heisse. Da fahre gar kein Zug hin, meint er. Super! Und wozu stehe ich denn seit einer Stunde an? „1VK“ ruft mir ein älterer Inder zu, der zufälligerweise mitgehört hat. Und zurück hiesse er „2VK“. Na also, der nette Herr ist viel hilfreicher als alle Computer und Menu-Tafeln im ganzen Raum zusammen! Sie sollten besser ihn in eine Ecke stellen und ihm ein Schild mit der Aufschrift „Information“ um den Hals hängen. Dann wäre es auch für Banausen wie mich ganz einfach.

Ich kritzle also „1VK“ ins offene Feld des Formulars und warte. Mindestens weitere fünfundvierzig Minuten, zwei Stromausfälle und ein duzend neue Fragen meines Sitznachbars lang. Stufe zwei: Ob es in der Schweiz kalt sei.. (Token 820) oh und wie warm? (Token 821) das sei aber nicht soo warm im Vergleich zu Indien.. usw. (Token 822). Gott sei Dank, ich bin dran und muss keine weiteren Fragen beantworten.

Ich beschliesse zukünftig schon bei den ersten Fragen anzugeben ich SEI verheiratet und hätte drei Kinder. Nein vier... oder besser fünf! Aber dann käme sicher die Frage warum ich die nicht dabei hätte und dann käme ich etwas in Argumentationsnot. Doch glücklicherweise darf ich ja nun endlich zum Schalter und mich da nochmals anstellen. Zum dritten mal. Denn vor dem angezeigten Schalter mit der rot leuchtenden Zahl 822 ist wiederum eine Schlange entstanden. Allerdings eine ganz kleine und nach ein paar Minuten habe ich auch mein Zugticket. Allerdings bin ich auf der „Waitinglist“. Das heisst es ist gar noch nicht sicher ob ich überhaupt fahren kann. Aber ganz ehrlich, das ist mir im Moment egal. Nächstes mal buche ich ganz einfach im Internet, wo man das Ticke am nächsten Tag zugesandt bekommt. Das geht nämlich auch. Man muss es halt nur nutzen!

Montag, 23. Juni 2008

Kinder des Windes


17 23 11.1N, 78 28 38.5 E

Ich liege in einem Hotelzimmer in irgend einer Stadt in Indien. Diese Stadt könnte genau so gut irgend eine andere sein. Manchmal verlieren Städte ihr Gesicht, oder haben es gar nicht erst herausgebildet. Doch wenn ich genauer hinsehe, hat diese Stadt schon eins. Es ist die Stadt mit der grossen Buddha-Statue mitten im See. Die Stadt mit dem farbigen Markt und den unendlich vielen Motoritschkas. Gelb auf Schwarz sind die Züge des Gesichtes. Doch manchmal verschleiern die Ecken und Kanten des Profils und driften ins Konturlose ab. Der Blick stumpft ab. Es ist nicht die Stadt welche den Eindruck erweckt, es ist der Betrachter der ein Bild zulässt oder es übersieht. Man sieht nur was man sehen will. Die Aufmerksamkeit ist ein Gut das nur Begrenzt zur Verfügung steht.

Von der Macht der Aufmerksamkeit
Es ist spannend zu sehen, wie unterschiedlich ein und dieselbe Strasse auf einen wirken kann. Bei meiner Ankunft war die Hauptstrasse die über einen riesigen Kreisel in die Nähe meines Hotels führt nur eine einzige Lawine des Gestanks, Lärms und viel zu vieler Menschen. Eine sich windende Schlange die mich aufzufressen drohte. Ich reite mit meinen fast dreissig Kilo Gepäck auf ihrem Rücken wie Kapitän Ahab auf seinem Wal. Auf der Flucht vor dem Monstrum und doch verführt es zu bezwingen. Denn nur auf ihr gelangte ich in mein rettendes Hotelzimmer, in dem es ruhig und kühl ist. In dem ein frisch bezogenes Bett und ein Buch auf mich wartet.
Doch nachdem ich mich etwas entspannt habe, zieht es mich doch wieder auf die Strasse. Inzwischen ist es dunkel geworden. Indiens Strassen sind ganz anders wenn sie ins kühle Licht der Nacht getaucht sind. Und jede Stadt enthüllt in der Nacht ihr zweites Gesicht. Mumbai war diesbezüglich nicht gerade mein Favorit. Hydarabad dagegen hat mit der Dunkelheit an Attraktivität gewonnen. Es ist ruhiger geworden, auch wenn der Verkehr nicht wesentlich nachgelassen hat. Aber auch das ist vielleicht eine Täuschung, die wiederum nur von mir als Betrachter ausgeht. Vielleicht ist nicht Hydarabad mit der Dunkelheit ruhiger geworden, sondern ich selber.

Mit der Ruhe kommt die Aufmerksamkeit zurück. Die Details gewinnen an Gewicht. Diese Kleinigkeiten, die einem die Schönheit einer Stadt offenbaren. Dort ein Motoritschka das auf zwei statt auf drei Rädern schräg in der Landschaft steht, damit ein Mechaniker sein Getriebe reparieren kann. Hier ein ganzer Bulk von Bettlern, die einem besonders spendablen Passanten alle gleichzeitig die Hände wie zum Gebet entgegenstrecken. Eine Stadt ist wie eine Frau in die man sich verliebt. Sind es nicht auch da die Kleinigkeiten die das Besondere ausmachen? Der Haaransatz im Nacken, die Stelle wo das Schlüsselbein auf den Hals trifft, ein Punkt auf der Wirbelsäule eine Hand breit über dem Steissbein? Genau in solche Kleinigkeiten verliebt man sich. Wenn man sie denn sieht. Wenn man das Betrachten zulassen kann.

Vom ewigen Aufbruch
Ich lese ein Buch: „T.E. Lawrence: (..)e sieben Säulen der Weisheit“. Einen Teil des Titels kann man nicht lesen, da es mit dickem Verbandspflaster notdürftig zusammengeheftet wurde. Ich habe es überteuert in einem Trödelgeschäft in Hampi erstanden. Doch ich wollte es unbedingt kaufen. Es handelt von „Laurence von Arabien“, wie er mit den arabischen Nomaden gelebt und gelitten hat. Das Thema hat mich sofort gepackt. Im Buchladen wusste ich nicht wieso. Wusste nur, das ich diesen überteuerten Preis von 270 Rupien (etwa sechs Franken) trotzdem bezahlen muss, unfähig ihn herunter zu handeln. Inzwischen dämmert es mir langsam. Der packende Punkt des Buches ist die Schilderungen über das Nomadentum. Das Dasein für den Moment. Das ziehen von Ort zu Ort ohne feste Wurzeln. Es handelt von den Kindern des Windes, die kein Zuhause ihr eigen nennen dürfen, ja es auch gar nicht wollen. Vom schwarz und weiss denken, ohne Kompromisse. Von den Entbehrungen und der Einsamkeit, sowie von den Folgen die solch ein Leben mit sich bringt.

T.E. Lawrence schreibt:„Der Beduine der Wüste, der in ihr geboren und aufgewachsen ist, hat sich mit ganzer Seele dieser für Aussenstehende allzu harten Kargheit hingegeben, aus dem zwar gefühlten, aber nicht bewusst gewordenen Grund, weil er sich in ihr wahrhaft frei findet. Er hat alle materiellen Bindungen, Annehmlichkeiten, Verfeinerungen, Luxus und sonstigen Ballast des Lebens hinter sich gelassen, um dafür eine persönliche Freiheit zu gewinnen, die von Elend und Tod bedroht ist. (...) Sein Leben bietet ihm Luft und Wind, Sonne und Licht, freien Raum und eine grosse Leere. Diese Natur blieb unberührt von Menschenwerk und Gabenfülle: nur den Himmel droben und drunten die jungfräuliche Erde. So kam er unbewusst Gott näher“

In wundersamer Weise hat mich mein Schicksal zu den Meistern meiner Zunft geführt, deren herbe Luft ich ein klein wenig schnuppern darf. Auch wenn mein vorübergehendes Nomadentum ein lauer Abklatsch des Lebens der Beduinen ist, sind da doch Spuren einer Verwandschaft zu erkennen. Manche Gefühle kommen mir bekannt vor die T.E. Lawrence beschreibt, wenn er sie auch in der Reinform, als Essenz erlebt hat. Ich geniesse sie in homöopathischen Dosen, erlebe aber ähnliche Wirkungen auf mein Unterbewusstsein und mein Bewusstsein.
Es sind dieselben Elemente und es spielt keine Rolle ob das ewige Weiterziehen nun in der Wüste, von Stadt zu Stadt oder entlang der Küste Stattfindet. Es ist die Freiheit, Ungebundenheit und schliesslich auch die Einsamkeit die sie mit sich bringt. Die Einsamkeit der ewigen Abschiede, des Weiterziehens und doch nie wirklich Ankommens.

Die Einsamkeit die einen spüren lassen, das sich das kleine im grossen spiegelt. Das wir als Nomaden auf diese Welt gekommen sind. Nichts und niemand erlaubt uns hier ewig zu bleiben. Wir kamen von irgend woher, wurden fortgerissen um auf dieser Welt unseren kurzen Weg zurück zu legen. Selbst dieser Weg ist von verschiedenen Reisen und Stationen geprägt. Jede mit ihrem eigenen Ort. Einem Ankommen, einem Aufenthalt und irgendwann einem Aufbruch und Abschied. Manche Stationen unseres Lebens lassen uns etwas rasten. Andere sind nur von kurzer Dauer und schon bald müssen wir wieder weiter. Oft ins Ungewisse, ob wir wollen oder nicht. Wir alle sind Nomaden, auch wenn wir uns noch so an Orte, Personen oder Dinge klammern. Wir können nichts halten, müssen immer weiter.

Wir alle sind Nomaden. Wir alle sind Kinder des Windes.

Freitag, 20. Juni 2008

In den Tempeln von Hampi


Tempel am Morgen
Originally uploaded by hobbes_ch

15 20 11.0N, 76 27 42.2 E


Nach dem regenreichen Goa zieht mich mein Wanderdrang wieder in Richtung Landesinnere. Weit weg vom Monsun, der aus Südwesten heraufzieht. Aber ich kann ja versuchen ihm in Richtung Nordosten zu entkommen.
Bequeme Reisemöglichkeiten sind in diese Richtung allerdings rar gesät, erklärt man mir in Panaji, meinem Ausgangspunkt für die neue Reise. Züge würden während dem Monsun nicht fahren, schon gar nicht ab Panaji. Und Luxus-Liegebusse gäbe es auch nicht. Nur in der Hochsaison und die sei ja jetzt gerade nicht. Ich könne aber einen der lokalen Busse nehmen. Die seien sehr billig und man müsse auch nicht reservieren.
Pünktlich zur mir unbekannten Abfahrtszeit stehe ich also am riesigen Busbahnhof und versuche im unüberschaubaren Getümmel ein Fahrzeug mit der Aufschrift „Hubli“ zu finden. Hampi, mein eigentliches Ziel kann nämlich gar nicht direkt angefahren werden, sondern ich muss über Hubli nach Hostet und von da mit dem Taxi weiter nach Hampi. Allerdings bringen mich die vielen ähnlichen Ortsnamen und die ebenfalls sehr ähnlichen und noch viel zahlreicheren Busse ziemlich durcheinander und so finde ich erst mal keinen Bus nach Hupi. Oder war es Hospi? Ich frage am besten einen Hampi und der sagt mir dann auch das mein Bus hinter dem Busbahnhof stehe und um neun Uhr zwanzig fahre. Glück gehabt, da steht er tatsächlich und ist auch noch nicht total überfüllt.

Zwei Stunden später haben wir noch nicht einmal die Hälfte der Strecke nach Hubli zurückgelegt, ich habe aber mindestens schon das doppelte meiner Reisegeduld aufgebraucht. Der Bus schlingert und holpert über eine enge und sehr kurvenreiche Passstrasse. Mit ansehnlichem Tempo versteht sich, was sich mit der Zeit auf meinen eh schon angeschlagenen Magen auswirkt. Langsam passe ich meine Gesichtsfarbe dem grün der umliegenden Wälder an und bin nun froh einen Fensterplatz zu besitzen. Die Fensterplätze werden mit fortschreitender Fahrt auch zunehmend begehrter. Ein paar Inderinnen haben trotz unterschiedlicher Herkunft eine ähnliche Farbei wie ich angenommen und hängen nun würgend aus den Fenstern.
Nach viereinhalb Stunden Busfahrt habe ich ziemlich genug von dem Geholper und steige erst mal aus. Auch wenn ich noch lange nicht am nächsten Etappenziel bin. Ich finde jedoch ich verfüge über denLuxus eines grosszügigen Zeitbudgets und kann auch am nächsten Tag mit dem Zug weiter nach Hospet tuckern. Von Bussen habe ich erst mal genug.
Am nächsten Tag sitze ich mit vier gut gelaunten Norwegern im Abteil eines Zugs nach Hospet. Die Jungs kamen direkt aus Goa. Mit diesem Zug. Ich werde niemandem mehr Glauben schenken der behauptet im Monsun würden keine Züge fahren. Ab jetzt bin ich ein notorischer Zugsreisender, denn Züge sind in Indien wirklich die bequemste Art des Reisens. Man hat genug Platz, kann sich meistens sogar hinlegen und wird regelmässig gut verpflegt. Und die paar Rupien mehr ist mir dieser Luxus definitiv wert.

Beim Indischen Onkel Doktor
Nach einer unterhaltsamen und auch noch gemütlichen Fahrt sind Audun, Anders, Frank und ich in Hampi angekommen. Wr nehmen uns zwei Zimmer. Ich schlafe mit Audun im Doppelbett. Man ist unkompliziert und spart damit Geld. Allerdings sehen die drei Norweger in der kommenden Zeit nicht besonders viel von mir, den mein Reich ist wieder einmal die Toilette. Nach diesem erneuten Rückfall wird es mir dann doch zu viel und ich besuche den örtlichen Doktor.

In einem kleinen Sprechzimmer bittet mich der nette Herr (ohne weissen Kittel) Platz zu nehmen. Er hat vor sich, neben den üblichen Arbeitswerkzeugen, eine erstaunlich grosse Zahl Pillen und Tabletten ausgebreitet. Allerdings nur etwa fünf verschiedene Sorten, von denen er mir nach einer sehr kurzen Untersuchung je eine Packung verschreibt. Ich glaube er behandelt alle Patienten mit den gleichen Pillen. Das ist vermutlich praktisch und hilft sicher auch in achtzig Prozent der Fälle. Frei nach Pareto. Achtzig Prozent erfolg mit zwanzig Prozent der Medikamente. Allerdings habe ich einmal gelesen, dass dies bei uns in Europa auch nicht viel anders sei. Die meisten Ärzte würden immer genau die gleichen Medikamente verschreiben. Mein Indischer Doktor hier macht das nur weniger heimlich und oh Wunder, schon einen Tag später geht's mir bedeutend besser. Auch wenn jetzt die Norweger nun schon wieder weg sind. Die habe ich jetzt halt krankheitshalber verpasst. Dafür sind inzwischen Julia und Lorenz im Nachbarzimmer eingezogen. Ein aufgestelltes deutsches Pärchen. Sie studiert Psychologie und er hat vor kurzem in Geschichte abgeschlossen. Wir unterhalten uns prächtig und verabreden uns für den nächsten Tag um gemeinsam die Gegend unsicher zu machen und die Tempelanlagen zu erkunden.

Im Morgengrauen auf den Tempelberg
Bevor ich aber mit Julia und Lorenz losziehe, habe ich mir noch eine spezielle Tour vorgenommen. Ich will mit dem ersten Hahnenschrei auf den höchsten Tempelberg hier in der Gegend steigen und den Sonnenaufgang geniessen. Ich male mir aus, dass der Vogel der im Hof des Hotels haust, sehr genau weiss wann der erste Lichtstrahl den Horizont umspielt und mir somit genau das gewünschte Startsignal gibt.
Am nächsten Morgen, es ist noch stockdunkle Nacht, erwache ich dann auch prompt ob dem lauten Geschrei des nützlichen Gockel-Weckers. Ich taste im dunkeln nach meiner Uhr. Drei Uhr dreiund-zwanzig. Ist denn das Vieh völlig übergeschnappt? Wo bitteschön soll den um diese Zeit der Sonnenaufgang sein? Fluchend lege ich mich wieder schlafen und träume kurz danach von einem dampfenden Hünchencurry. Der Gockel versucht trotzdem noch mindestens vier mal mich aus dem Bett zu kriegen, aber ich traue ihm nicht mehr. Seine Tage sind eh gezählt und ein Hünchencurry kann ja nicht zuverlässig wecken.

Einen Tag später werde ich feststellen, das unser Gockel durchaus richtig eingestellt ist und viele Indische Frauen tatsächlich um drei Uhr dreissig geweckt werden wollen. Diese Zeit scheint genau richtig zu sein, um den Platz vor dem Haus mit Lakshmi einzuschmieren. Einer Mischung aus Kuhdung, Gewürzen, Wasser und weiteren Zutaten. Dies würde dem Haus Glück und Reichtum bringen. Um drei Uhr dreissig? Manche Indische Bräuche werde ich nie verstehen und schon gar nie selber in Erwägung ziehen. Der Gockel gehört in den Topf und basta!

Meine Casio-Armbanduhr wirft mich pünktlich um fünf Uhr aus dem Bett. Gute alte Technik. Eine halbe Stunde später bin ich schon auf dem Aufstieg zum Gipfel. Der Weg führt mich durch halb verfallene, mystische Tempel, die im frühen Morgenlicht ihre ganze Pracht entfalten. Zwischen riesigen, runden Felsen eingebettet prangen die exakt gehauenen Bauten am nahen Berg. Die rechteckigen Säulen sind mit Ornamenten und Darstellungen verschiedener Götter geschmückt. Dazwischen liegen künstliche Wasserbecken, die mit umlaufenden Treppen gesäumt sind. Alle Tempel wurden aus den örtlichen Felsen gehauen, die dabei in rechteckige Stücke gespalten und exakt aufeinander geschichtet wurden. Manche Mauern sind so genau eingepasst, das keine Messerklinge zwischen die Fugen der Steinquadern mehr passt. Und immer wieder Götter-Darstellungen. Mal mit Elefantenkopf, dann wieder als farbige Affengestalt in einem eingelassenen Schrein und mit frischen Opfergaben umgeben.

Die Luft ist rein am frühen Morgen und erlaubt die sonst so überquellende Fülle an Düften einzeln wahrzunehmen. Auch das Licht dämpft die grellen Farben, mit denen Indien seine Besucher überflutet. Indien ist ein Meer der Sinneseindrücke und so manchen Reisenden hat es wohl damit schon überfordert. Der frühen Morgen schont jedoch die Sinne und lässt einen langsam in die wunderbaren Welt eintauchen. Selbst der allgegenwärtige Lärm der Indien sonst so prägt ist zu dieser Stunde nur eine leise Musik. Der Schrei eines Vogels, eine Glocke die fern erklingt und das leise Geräusch des Windes der durch die Bäume am Hang des Tempelberges streicht.

Der Aufstieg
Ich mache mich an den Aufstieg. Lange und mächtige Felsquader wurden hier vor Jahrhunderten geschickt zu Treppen aufgeschichtet. Sie umfliessen die runden Felsen und führen einen sicher nach oben. Kein Mörtel hält die Stufen zusammen. Alleine die geschickte Passform und die Art wie sie sich gegenseitig verkeilen hält sie am Platz. Immer höher führt mich die imposante Treppe. Erst noch zwischen den mächtigen runden Felsen hindurch, die unten noch teilweise überwuchert sind. Weiter oben dann hört der Baumbewuchs auf und die Stufen führen in luftiger Höhe über einzelne Felsen. Ob dem fehlenden Geländer wird mir in dieser Höhe etwas mulmig zumute. Ich konzentriere mich einfach mutig auf die Mitte der Stufen und kletter langsam höher. Stufe um Stufe. Nicht nach unten sehen. Ich mache es doch und muss mich schnell wieder umdrehen. Lieber wieder nach oben sehen. Ja, das ist besser. Hoffentlich bin ich bald da. In manchen Stufen sind Löcher und lassen mich in den Abgrund zwischen den riesigen Felsen sehen. Ich konzentriere mich wieder auf die Stufen und denke nicht mehr an die Löcher. Ob wirklich ein Film des eigenen Lebens vor dem inneren Auge abläuft, wenn man hier runter fällt?

Endlich, ein kleiner Tempelbau erscheint über mir und markiert den Eingang. Ich haste glücklich in das flache Gebäude, welches den ganzen Gipfel umgibt. Nach einigem Umherirren in den verschlungenen Gängen finde ich eine Treppe die aufs Dach des Tempels führt. Dort angekommen werde ich für all die Mühen des Aufstiegs mehr als belohnt. Die Aussicht hier oben ist gewaltig. Im Norden schlängelt sich der Tungabhadra Fluss wie flüssiges Silber durchs grüne Tal. Immer wieder unterbrochen von lockeren Haufen der rotbraunen Felsen, die in den Jahrtausenden aberwitzige Formationen ausgebildet haben. Wie das Spielzimmer eines Riesen liegt das Tal vor mir in der Ebene.

Im Westen reckt sich der über fünfzig Meter hohe Virupaksha-Tempel der wärmenden Morgensonne entgegen. Seine erotischen Verzierungen haben schon manchen Besucher erröten lassen. Die östliche Sicht wird ganz vom Anblick des Vital-Tempels geprägt, der hier eine grosse Fläche einnimmt. Er gehört zum Weltnaturerbe und besitzt, eindrückliche, klingende Säulen. Ein paar Stunden später wird ein Wächter Lorenz, Julia und mir den Klang der Säulen unerlaubterweise demonstrieren. Ein sanftes klopfen mit dem Finger auf die filigranen Säulen erzeugt einen holen, hölzernen Klang. Dabei sind jeweils mehrere Säulen so aufeinander abgestimmt, das ein schöner Dreiklang den Tempelraum erfüllt.
Mein Blick schweift weiter über das weite Tal, das langsam aus dem Schlaf erwacht. Laute Hindimusik ertönt aus Richtung Hampi Bazaar. Überall in der grünen Ebene sind kleinere und grössere Tempel auszumachen. Teils stehen sie alleine, Teils sind sie geschickt in die Felsen integriert. Es würde wohl Wochen dauern , alle Tempel einzeln zu besichtigen. Mir hat schon dieser Anblick von hier oben einen majestätischen Eindruck verschafft, den ich erst mal einige Minuten auf mich wirken lasse.

Der Abstieg
Plötzlich tauchen vor mir ein paar Indische Touristen in Flip-Flop Sandalen auf. Wie sind denn die mit diesen Badelatschen über die Felsen geklettert? Und dann erst noch von der falschen Seite! Sie werden verfolgt von einer grossen Schar kleiner Affen, die sich inzwischen um eine Rolle Kekse versammelt haben und in aberwitzigen Tempo über die fast senkrechten Felsen rennen. Erst da merke ich, das auf dieser Seite ja ein zweiter Weg auf den Berg führt und ich finde es ist in Anbetracht der Touristenschar nun genau der richtige Zeitpunkt um diesen zweiten Weg zu erkunden.

Schon nach wenigen Metern merke ich, das dieser Weg deutlich anders konzipiert wurde als mein Aufstieg. Hier wurden einfach die natürlichen, runden Felsen als Wegführung verwendet und durch einzelne Steintreppen mit einander verbunden. Mit weisser Farbe wurden Linien auf den glatten Fels gepinselt, über die man besser nicht hinaustreten sollte, wenn man des Fliegens nicht kundig ist. Allerdings hätte es diese Markierung für mich nicht unbedingt benötigt. Ich bin in Bezug auf luftige Höhen ein ziemlicher Höseler und krieche daher auf allen Vieren über den runden Fels. Immer schlotternd darauf bedacht, nicht auf den fünfzig Meter tiefen Abgrund zu achten, der mir gleich hinter der weissen Linie bedrohlich entgegen klafft. Warum kannten die Inder das praktische Systems eines Geländers nicht! Oder zumindest eines Halteseils. Aber einen einfach in dieser Höhe über einen runden, rutschigen Fels zu führen und dann auch noch sarkastisch hin zu malen wo's runter geht, das ist dann doch etwas zu viel. Glücklicherweise fängt nun auch noch der Monsun an zu blasen und zeigt mir seinerseits ebenfalls, in welche Richtung ich nicht gehen sollte. Ich will doch einfach nur nach unten, aber bitte kontrolliert und nicht im freien Fall.

Ich will es Euch nicht weiter in die Länge ziehen. Ich bin heil unten angekommen und sogar heute nochmals den gleichen Weg auf den Berg gestiegen. Einfach um es mir zu beweisen. Ätsch. Aber dafür bin ich bei einem ähnlichen Manöver auf genau den gleichen Felsen, wenn auch viel weiter unten im Tal, in den Fluss gefallen. Na lieber nass als tot und schliesslich schien heute ja auch die Sonne und hat alles gleich wieder getrocknet. Was will man mehr? Mehr Indien! Morgen geht's nach Hyderabad.

Mittwoch, 11. Juni 2008

Die wilden Hunde von Arambol


Strand Hunde
Originally uploaded by hobbes_ch


15 41 34.0N, 73 41 50.7 E

In Arambol leben wilde Hunde. Nun gibt es sicher an manchem Indischen Strand ein oder zwei wilde Hunde. In Arambol gibt es jedoch dreissig Stück davon. Grosse, kleine, dicke, schlanke, solche mit langen Haaren und solche mit kurzem Fell und natürlich auch in allen Farben. Vornehmlich aber braune. Und so wild sind sie gar nicht.
Die Hunde leben meistens am Strand und folgen einem vermutlich genau abgestimmten sozialen System. Jedenfalls gibt es erstaunlich wenig Streit unter der Meute. Ausserdem sind sie äusserst schlau und wissen genau, wie sie an etwas fressbares herankommen. Einer hat mir, während ich Petras Knie verarztete, all meine Guezli aus dem Zimmer geklaut! Ich war eine Weile sauer auf ihn. Ich musste ihm aber zugestehen, das er einen guten Sinn für Optionen mit hoher Rendite hatte. Vielleicht hätte er Börsenmakler werden sollen. Er wäre bestimmt erfolgreicher gewesen, als so mancher Finanzspezialist. Jedenfalls hat die Option „Guezli“ für ihn sehr rentiert!
Ich frage den Besitzer der Strandbar, wie denn die ganzen Hunde hier her gekommen seien. „They are wild dogs“, antwortet er mir. Die seien irgendwann einfach hergesträunt. Von überall her. Und manchmal kämen natürlich auch neue auf die Welt. Erst hätte man zwei, dann vier, dann acht. Und so weiter. Seit kurzem dürfen sie sie auch nicht mehr töten. Nur noch kastrieren. Und manchmal käme dann halt auch ein neuer, unkastrierter hinzu und peng, hätte man schon wieder ein paar neue.
Die Hunde leben hier in Arambol in Symbiose mit den Touristen. Während der Hauptsaison sind sie weit über den Strand verstreut. Wie die Touristen auch. Schliesslich sind wir hier nicht an der Riviera. Manche Touristen finden die intelligenten Vierbeiner äusserst putzig und den kleinen schwarz weiss gecheckten Collie-Sennen-Dackel da drüben ganz besonders. Also wird er gestreichelt und der kleine Hund, wir nennen ihn einfach mal „Brutus“, wird sogleich zum ersten Urlaubs-Freund. Von jetzt an folgt Brutus dem Tourist, oder dem Touristen-Pärchen, auf Schritt und Tritt. Bis vors Hotel, wo er vor der Türe schläft und wartet, bis sein Herrchen wieder raus kommt. Er geht mit zur Strandbar und döst unter dem Tisch. Er geht sogar mit ins Wasser, am Strand spazieren und macht all das, was ein braver Hund halt so macht. Bis die Ferien vorbei sind.
Natürlich finden die tierbegeisterten Touristen diesen „Hund auf Zeit“ ganz toll und lassen auch den einen oder anderen Happen „zufällig“ unter den Tisch fallen. Oder sie füttern ihren „Brutus“ gar ganz offiziell. Der Strandbarbesitzer erklärt mir, das manche Touristen sogar ganze Menus für ihre neuen Lieblinge bestellen. Etwas seltsam käme ihm das schon vor, aber was solle er denn machen.
Ich habe mich anfangs gewundert, wieso so ein winziges Kaff wie Arambol im örtlichen Mini-Markt eine so immense Haustierabteilung (spezialisiert auf Hunde, aha!) hat. Jetzt weiss ich es. Und bald weiss es auch jeder neue Tourist im Ort, der jetzt einen Schössling hat.
Während der Monsunzeit leben die ganzen Teilzeithunde im grossen Rudel zusammen und wegen Mangel an freundschaftswilligen Touristen werden nun halt angespülte Fische oder geklaute Guezli gefressen. Und jetzt liegt der Dieb auch noch vor meiner Türe und wartet auf das nächste verletzte Knie. So geht das aber nicht, Brutus! Geh lieber an die Börse.

Montag, 9. Juni 2008

Nichtstun in Goa


Abendstimmung in Arambol
Originally uploaded by hobbes_ch
Vor mir frisst sich das Meer in weissbraunen Wogen ins Ufer. Drei Fischer mit grünen und weissen Wurfnetzen kämpfen gegen das schäumende Monstrum. Unerbittlich werfen sie ihm ihre Netze entgegen. Immer dann, wenn eine neue Welle sich bricht. Das sie dabei etwas fangen habe ich bis jetzt nicht beobachtet. Nur die braune Flut versucht sie zu verschlucken. Doch dann entdecke ich einen zappelnden Fisch im Umhängekorb eines Fischers. Das Meer hat seinen Obolus also doch geleistet. Der Fischer sieht trotzdem nicht unbedingt glücklich aus.

Ich bin in Arambol gelandet. Einer wunderschönen Strandbucht im Norden Goas. Das Ufer ist gesäumt von Fischerhüttchen, Palmen und anderen Bäumen. Das nördliche Ende der Bucht wird von hohen Felsen begrenzt, die im ständigen Kampf mit den Fluten bizarre Formen ausgebildet haben. Das Wasser schiesst in zehn Meter hohen Fontänen an den Felsen hoch. Es Donnert ständig als würde ein Jumbojet landen.

Der Monsun verwandelt die sonst ruhige Bucht in eine kochende Waschmaschine. Der ständige Wind fordert seinen Tribut und reisst so manches Strohdach ins Meer. Viele Hausbesitzer haben vorgesorgt und ihre Häuser mit blauen Planen eingepackt. Wie Geschenke sehen sie aus, die ganzen Bungalows, Strandbars und Ferienhäuschen. Ich hätte den Zeitpunkt der Bescherung gerne erlebt!

Das ganze Dorf folgt architektonisch nicht nicht wirklich einer Linie. Die Häuschen sind bunt zusammen gewürfelt und kleben am unterspülten Fels. Als hätte der Wind sie dort hingetragen und nach Lust und Laune irgendwo fallen gelassen. Eins hier, eins da, eins dort drüben am Strand. Nur immer möglichst nahe am Meer. Während dem Monsun ist diese Platzierung allerdings nicht wirklich verständlich. Die vordersten Häuschen (wie meins) sind jetzt nass, salzig und ohne Strom. Meistens jedenfalls. Wenn der Regen und Wind mal ein paar Stunden nachlässt, fängt es im Versorgungsmasten vor meinem Ressort an zu funken und ich muss meinen Ventilator einschalten. Dies, damit genug „Saft“ über den Funken fliesst. Und schon habe ich Strom. Für ein paar Minuten. Einmal sogar für einen halben Tag! Generator overloaded always. Goa.

Dabei soll es hier un-glaub-lich schön sein. Einer der schönsten Strände Goas, sagt mein Reiseführer. Wie zum Beweis ist da ein Foto zu sehen, mit palmgesäumten, weissen Stränden , ruhigem Meer und enzianblauem Himmel.

Doch irgend etwas in mir sagt mir, dass ich genau das NICHT gebraucht habe. Durch den Regen, den fehlenden Strom und ständigen Sturm vor der Hütte bin ich zum „Nichtstun“ gezwungen. Wollte ich nicht genau das? Wie als Antwort haut es mich am dritten Tag mit Fieber ins Bett. Nun kann ich noch weniger tun. Alles tut mir weh und ich tue mir selber furchtbar leid. Niemand da, der sich um mich kümmert. Ich werde hier sicher nach einigen Tagen auf über hundert Grad aufheizen und dann als mickriges Dampfwölkchen in der Gischt verschwinden. Niemand wird es sehen!
Immer wieder schaue ich auf das Display meines Natels, ob mir nicht doch noch jemand eine tröstende SMS schickt. Herrgot Sack, also irgendwer muss doch an mich denken!

Petras Unfall
Mitten im grössten Selbstmitleid sehe ich Schatten unter Türe und höre leise Stimmen. Die Neugierde reisst mich aus meinen trüben Gedanken. „We need help, an accident happened“ , kommt mir ein bärtiger und ziemlich aufgeregter Hippi mit reichlich Akzent in der Aussprache entgegen. Er wird von seiner Freundin flankiert, die ihn bleich und verwirrt begleitet. „Sprecht ihr Deutsch“, will ich stattdessen wissen. „Ja“ sagen beide und deuten dann ohne Worte auf Petras Knie.

„Was ist denn passiert“ will ich wissen, als ich das aufgeplatzte Knie sehe, aus dem ein steter Schwall von Blut auf meine Veranda pumpt. Ich fand diese Frage durchaus gerechtfertigt, denn schliesslich muss ich erst meinen eigenen Schock überwinden. So viel Blut..., und auch andere Dinge die ich noch nie in dieser Form gesehen habe, sind da an Petras* Knie - beziehungsweise auf meiner Veranda - zu entdecken. Ich kann plötzlich nicht mehr atmen, was die Lage nicht unbedingt entspannt, denn auch das Reden bedarf zumindest einem minimalen Quantum an Sauerstoff.
Ihr müsst wissen, dass ich nicht gerade der Held bin, was das Betrachten von Blut und offenen Wunden anbelangt. Im Nothelferunterricht, in welchem zur Abhärtung diese scheusslichen Unfallbilder gezeigt werden, wurde mir immer speihübel. Ich bin also nicht gerade abgehärtet, was mir in dieser Situation grad unglaublich hilft!

Heinz*, Petras Freund – davon gehe ich jedenfalls aus, denn er benutzt Vokabeln wie „Schnukki“ und „Schatz“ - tänzelt immer aufgeregter um Petra rum. „Soll ich einen Arzt holen? Soll ich ein Taxi rufen“. „Wo soll das denn hinfahren? Hier auf die Klippe oder was?“ denke ich mir. „Was kommt denn da raus? Ist das eine Vene? Da kommt was schwarzes raus!“ ruft Heinz nun noch aufgeregter. Petra sagt nichts. Sie fingert still an ihrer Wunde rum und versucht das was da rauskommt wieder rein zudrücken. Ich erinnere mich schwach an einen Schockzustand der bei Unfällen dieser Art auftreten kann und schicke Heinz ein Taxi holen. So hat er wenigstens eine Aufgabe. Ich kann es ihm allerdings nicht verübeln so nervös zu reagieren. Ich würde in seiner Lage sicher genauso hilflos Rumeiern. Ich komme ja noch nicht mal mit meiner eigenen Erkältung klar!

In einem Geistesblitz dessen Herkunft ich meinem eigenen Schockzustand zuschreibe, kommt mir die Armee-Verbandspatrone Modell A in den Sinn, welche ich nun schon um die halbe Welt getragen habe. Ja, oh du rettende Patrone, nun ist deine holde Stunde gekommen! Ausgerechnet mit einer Armeepatrone verarzte ich einen Hippi. Die Welt ist lustig!

Aber erst versuche ich Petra davon zu überzeugen, dass sie die Wunde nicht mehr anfasst und wasche sie mit Desinfektionsmittel aus. Dieses ist allerdings nicht aus Armeebeständen, sonst hätte mich Petra wohl infolge der brennenden Nebenwirkungen erwürgt. Erstaunlich gut lässt sich die Wunde mit der Armeepatrone verbinden und im nuh sieht alles schon nicht mehr so dramatisch aus. Ich schäme mich während dem Wickeln fast etwas. Wie ich doch vor kurzem noch meinen eigenen Zustand so unglaublich schlimm fand. Und nun sehe ich die arme Petra vor mir.
Heinz kommt nach einigen Minuten zurück. Ich bin froh, denn ich weiss nicht was ich Petra noch anbieten soll, ausser einem Stuhl, etwas Wasser und meiner leintuchweissen Erscheinung. Später fällt mir dann ein, dass ich für solche Situationen homöopathische Notfallkügeli in meinem Rücksack habe. Durch das viele viele Blut wurden jedoch die Notfallkügeli im Rausch meines eigenen Zustands mental glatt ins Meer gespült.

Heinz führt seine Freundin in Begleitung meiner gut gemeinten, aber völlig überflüssigen, Umsorgung auf den Dorfplatz. Hier soll irgendwann das Taxi ankommen. Petra meint etwas enttäuscht: „Ich dachte du hättest das organisiert!!“.

In Anbetracht der weiter Wartezeit muss nun auch ich mich endlich setzten. Mir ist schlecht! Petra ist weiss. Ich bin weiss. Petra übergibt sich diskret ins Gebüsch. Ich schaue weg. Nein, das wäre nun wirklich zu viel. Ich kann nicht immer im Mittelpunkt stehen und überlasse Petra mit einiger Anstrengung sämtliches Mitgefühl der inzwischen umfangreichen Menschenmenge. Mir geht's gut!
Endlich verabschieden mich Heinz und Petra und ich kann zurück in meine Strandhütte, wo ich mich erst mal hinlegen und erholen muss. Ich sinniere und versuche meine eigene Lage zu verstehen. Was für wundervolle Erlebnisse durfte ich doch schon geniessen! Der stetige, heisse Puls Mumbais. Die interessante und durchaus bequeme Zugfahrt von Mumbai nach Arambol. Die ersten lustigen Globetrotter-Bekanntschaften.

Ich versuche wieder ins „Nichtstun“ einzusteigen, aber es will mir immer noch nicht gelingen. Also lese ich etwas in Krishnamurtis Buch.

„Die meisten Leute sind der Meinung, das Lernen durch Vergleichen gefördert wird, dabei ist das Gegenteil der Fall. Vergleichen führt zu Frustration und fördert nur den Neid, der Wettbewerb genannt wird. Wie andere Formen der Beeinflussung verhindert Vergleichen das Lernen und erzeugt Angst.“

Wie viel Wahrheit ich doch in diesem Text sehe. So oft finde ich diese Worte in meinem eigenen Leben bestätigt. Das Erlebnis von heute ist ein weiterer Beweis. Jill, die Künstlerin auf der Ranch, hatte eine andere gute Formulierung dafür:

„Es wird immer schief gehen, wenn man unbedingt die „Credits“ für seine Leistungen ergattern will.“

Wenn ich ehrlich bin, will ich die „Credits“ sehr oft. Besonders in Momenten, in denen ich mich nicht stark fühle. Ja, das kommt durchaus vor, ist aber an ein ständiges Auf und Ab gebunden. Je mehr ich mich der Achterbahn des Lebens aussetze, Herausforderungen zulasse, umso intensiver werden diese Momente. Als Kontrapunkt gehören dazu natürlich auch die überschwänglichen Glücksmomente, die einen grossen Teil meiner Weltreise ausmachen. Doch die sind „einfach“ zu ertragen und fordern nur den Moment voll und ganz zu geniessen.

Die schwierigen Momente wollen volle Aufmerksamkeit. Wenn ich versuche zu flüchten, erzwingen sie es einfach. Ich spüre physische Auswirkungen. Mir wird schlecht, ich kriege Probleme mit dem Magen oder werde sogar krank. Also liege ich flach und muss hinschauen. Und schreibe die Gedanken auf, denn auch das zwingt meinen Geist hin zu schauen.

Doch mitten in all den Gedanken erinnere ich mich an den Ring, der da an einem Lederband um meinen Hals baumelt. Ich nehme ihn in die Hand und schon geht es rasant aufwärts. Du bist plötzlich da. Ja, es ist etwas geschummelt, aber das Leben nimmt sich selber auch nicht so ernst. Und zum „Nichtstun“ ist's noch zu früh.

* Namen geändert