Montag, 9. Juni 2008

Nichtstun in Goa


Abendstimmung in Arambol
Originally uploaded by hobbes_ch
Vor mir frisst sich das Meer in weissbraunen Wogen ins Ufer. Drei Fischer mit grünen und weissen Wurfnetzen kämpfen gegen das schäumende Monstrum. Unerbittlich werfen sie ihm ihre Netze entgegen. Immer dann, wenn eine neue Welle sich bricht. Das sie dabei etwas fangen habe ich bis jetzt nicht beobachtet. Nur die braune Flut versucht sie zu verschlucken. Doch dann entdecke ich einen zappelnden Fisch im Umhängekorb eines Fischers. Das Meer hat seinen Obolus also doch geleistet. Der Fischer sieht trotzdem nicht unbedingt glücklich aus.

Ich bin in Arambol gelandet. Einer wunderschönen Strandbucht im Norden Goas. Das Ufer ist gesäumt von Fischerhüttchen, Palmen und anderen Bäumen. Das nördliche Ende der Bucht wird von hohen Felsen begrenzt, die im ständigen Kampf mit den Fluten bizarre Formen ausgebildet haben. Das Wasser schiesst in zehn Meter hohen Fontänen an den Felsen hoch. Es Donnert ständig als würde ein Jumbojet landen.

Der Monsun verwandelt die sonst ruhige Bucht in eine kochende Waschmaschine. Der ständige Wind fordert seinen Tribut und reisst so manches Strohdach ins Meer. Viele Hausbesitzer haben vorgesorgt und ihre Häuser mit blauen Planen eingepackt. Wie Geschenke sehen sie aus, die ganzen Bungalows, Strandbars und Ferienhäuschen. Ich hätte den Zeitpunkt der Bescherung gerne erlebt!

Das ganze Dorf folgt architektonisch nicht nicht wirklich einer Linie. Die Häuschen sind bunt zusammen gewürfelt und kleben am unterspülten Fels. Als hätte der Wind sie dort hingetragen und nach Lust und Laune irgendwo fallen gelassen. Eins hier, eins da, eins dort drüben am Strand. Nur immer möglichst nahe am Meer. Während dem Monsun ist diese Platzierung allerdings nicht wirklich verständlich. Die vordersten Häuschen (wie meins) sind jetzt nass, salzig und ohne Strom. Meistens jedenfalls. Wenn der Regen und Wind mal ein paar Stunden nachlässt, fängt es im Versorgungsmasten vor meinem Ressort an zu funken und ich muss meinen Ventilator einschalten. Dies, damit genug „Saft“ über den Funken fliesst. Und schon habe ich Strom. Für ein paar Minuten. Einmal sogar für einen halben Tag! Generator overloaded always. Goa.

Dabei soll es hier un-glaub-lich schön sein. Einer der schönsten Strände Goas, sagt mein Reiseführer. Wie zum Beweis ist da ein Foto zu sehen, mit palmgesäumten, weissen Stränden , ruhigem Meer und enzianblauem Himmel.

Doch irgend etwas in mir sagt mir, dass ich genau das NICHT gebraucht habe. Durch den Regen, den fehlenden Strom und ständigen Sturm vor der Hütte bin ich zum „Nichtstun“ gezwungen. Wollte ich nicht genau das? Wie als Antwort haut es mich am dritten Tag mit Fieber ins Bett. Nun kann ich noch weniger tun. Alles tut mir weh und ich tue mir selber furchtbar leid. Niemand da, der sich um mich kümmert. Ich werde hier sicher nach einigen Tagen auf über hundert Grad aufheizen und dann als mickriges Dampfwölkchen in der Gischt verschwinden. Niemand wird es sehen!
Immer wieder schaue ich auf das Display meines Natels, ob mir nicht doch noch jemand eine tröstende SMS schickt. Herrgot Sack, also irgendwer muss doch an mich denken!

Petras Unfall
Mitten im grössten Selbstmitleid sehe ich Schatten unter Türe und höre leise Stimmen. Die Neugierde reisst mich aus meinen trüben Gedanken. „We need help, an accident happened“ , kommt mir ein bärtiger und ziemlich aufgeregter Hippi mit reichlich Akzent in der Aussprache entgegen. Er wird von seiner Freundin flankiert, die ihn bleich und verwirrt begleitet. „Sprecht ihr Deutsch“, will ich stattdessen wissen. „Ja“ sagen beide und deuten dann ohne Worte auf Petras Knie.

„Was ist denn passiert“ will ich wissen, als ich das aufgeplatzte Knie sehe, aus dem ein steter Schwall von Blut auf meine Veranda pumpt. Ich fand diese Frage durchaus gerechtfertigt, denn schliesslich muss ich erst meinen eigenen Schock überwinden. So viel Blut..., und auch andere Dinge die ich noch nie in dieser Form gesehen habe, sind da an Petras* Knie - beziehungsweise auf meiner Veranda - zu entdecken. Ich kann plötzlich nicht mehr atmen, was die Lage nicht unbedingt entspannt, denn auch das Reden bedarf zumindest einem minimalen Quantum an Sauerstoff.
Ihr müsst wissen, dass ich nicht gerade der Held bin, was das Betrachten von Blut und offenen Wunden anbelangt. Im Nothelferunterricht, in welchem zur Abhärtung diese scheusslichen Unfallbilder gezeigt werden, wurde mir immer speihübel. Ich bin also nicht gerade abgehärtet, was mir in dieser Situation grad unglaublich hilft!

Heinz*, Petras Freund – davon gehe ich jedenfalls aus, denn er benutzt Vokabeln wie „Schnukki“ und „Schatz“ - tänzelt immer aufgeregter um Petra rum. „Soll ich einen Arzt holen? Soll ich ein Taxi rufen“. „Wo soll das denn hinfahren? Hier auf die Klippe oder was?“ denke ich mir. „Was kommt denn da raus? Ist das eine Vene? Da kommt was schwarzes raus!“ ruft Heinz nun noch aufgeregter. Petra sagt nichts. Sie fingert still an ihrer Wunde rum und versucht das was da rauskommt wieder rein zudrücken. Ich erinnere mich schwach an einen Schockzustand der bei Unfällen dieser Art auftreten kann und schicke Heinz ein Taxi holen. So hat er wenigstens eine Aufgabe. Ich kann es ihm allerdings nicht verübeln so nervös zu reagieren. Ich würde in seiner Lage sicher genauso hilflos Rumeiern. Ich komme ja noch nicht mal mit meiner eigenen Erkältung klar!

In einem Geistesblitz dessen Herkunft ich meinem eigenen Schockzustand zuschreibe, kommt mir die Armee-Verbandspatrone Modell A in den Sinn, welche ich nun schon um die halbe Welt getragen habe. Ja, oh du rettende Patrone, nun ist deine holde Stunde gekommen! Ausgerechnet mit einer Armeepatrone verarzte ich einen Hippi. Die Welt ist lustig!

Aber erst versuche ich Petra davon zu überzeugen, dass sie die Wunde nicht mehr anfasst und wasche sie mit Desinfektionsmittel aus. Dieses ist allerdings nicht aus Armeebeständen, sonst hätte mich Petra wohl infolge der brennenden Nebenwirkungen erwürgt. Erstaunlich gut lässt sich die Wunde mit der Armeepatrone verbinden und im nuh sieht alles schon nicht mehr so dramatisch aus. Ich schäme mich während dem Wickeln fast etwas. Wie ich doch vor kurzem noch meinen eigenen Zustand so unglaublich schlimm fand. Und nun sehe ich die arme Petra vor mir.
Heinz kommt nach einigen Minuten zurück. Ich bin froh, denn ich weiss nicht was ich Petra noch anbieten soll, ausser einem Stuhl, etwas Wasser und meiner leintuchweissen Erscheinung. Später fällt mir dann ein, dass ich für solche Situationen homöopathische Notfallkügeli in meinem Rücksack habe. Durch das viele viele Blut wurden jedoch die Notfallkügeli im Rausch meines eigenen Zustands mental glatt ins Meer gespült.

Heinz führt seine Freundin in Begleitung meiner gut gemeinten, aber völlig überflüssigen, Umsorgung auf den Dorfplatz. Hier soll irgendwann das Taxi ankommen. Petra meint etwas enttäuscht: „Ich dachte du hättest das organisiert!!“.

In Anbetracht der weiter Wartezeit muss nun auch ich mich endlich setzten. Mir ist schlecht! Petra ist weiss. Ich bin weiss. Petra übergibt sich diskret ins Gebüsch. Ich schaue weg. Nein, das wäre nun wirklich zu viel. Ich kann nicht immer im Mittelpunkt stehen und überlasse Petra mit einiger Anstrengung sämtliches Mitgefühl der inzwischen umfangreichen Menschenmenge. Mir geht's gut!
Endlich verabschieden mich Heinz und Petra und ich kann zurück in meine Strandhütte, wo ich mich erst mal hinlegen und erholen muss. Ich sinniere und versuche meine eigene Lage zu verstehen. Was für wundervolle Erlebnisse durfte ich doch schon geniessen! Der stetige, heisse Puls Mumbais. Die interessante und durchaus bequeme Zugfahrt von Mumbai nach Arambol. Die ersten lustigen Globetrotter-Bekanntschaften.

Ich versuche wieder ins „Nichtstun“ einzusteigen, aber es will mir immer noch nicht gelingen. Also lese ich etwas in Krishnamurtis Buch.

„Die meisten Leute sind der Meinung, das Lernen durch Vergleichen gefördert wird, dabei ist das Gegenteil der Fall. Vergleichen führt zu Frustration und fördert nur den Neid, der Wettbewerb genannt wird. Wie andere Formen der Beeinflussung verhindert Vergleichen das Lernen und erzeugt Angst.“

Wie viel Wahrheit ich doch in diesem Text sehe. So oft finde ich diese Worte in meinem eigenen Leben bestätigt. Das Erlebnis von heute ist ein weiterer Beweis. Jill, die Künstlerin auf der Ranch, hatte eine andere gute Formulierung dafür:

„Es wird immer schief gehen, wenn man unbedingt die „Credits“ für seine Leistungen ergattern will.“

Wenn ich ehrlich bin, will ich die „Credits“ sehr oft. Besonders in Momenten, in denen ich mich nicht stark fühle. Ja, das kommt durchaus vor, ist aber an ein ständiges Auf und Ab gebunden. Je mehr ich mich der Achterbahn des Lebens aussetze, Herausforderungen zulasse, umso intensiver werden diese Momente. Als Kontrapunkt gehören dazu natürlich auch die überschwänglichen Glücksmomente, die einen grossen Teil meiner Weltreise ausmachen. Doch die sind „einfach“ zu ertragen und fordern nur den Moment voll und ganz zu geniessen.

Die schwierigen Momente wollen volle Aufmerksamkeit. Wenn ich versuche zu flüchten, erzwingen sie es einfach. Ich spüre physische Auswirkungen. Mir wird schlecht, ich kriege Probleme mit dem Magen oder werde sogar krank. Also liege ich flach und muss hinschauen. Und schreibe die Gedanken auf, denn auch das zwingt meinen Geist hin zu schauen.

Doch mitten in all den Gedanken erinnere ich mich an den Ring, der da an einem Lederband um meinen Hals baumelt. Ich nehme ihn in die Hand und schon geht es rasant aufwärts. Du bist plötzlich da. Ja, es ist etwas geschummelt, aber das Leben nimmt sich selber auch nicht so ernst. Und zum „Nichtstun“ ist's noch zu früh.

* Namen geändert

Mittwoch, 4. Juni 2008

Unterwegs in Mumbai

In meinem ersten Hotel ist es heiss, was sich später als allgemein gültige Tatsache ergeben wird. Ich habe ja auch keine Klimaanlage bestellt. Schliesslich muss ich sparen und die vier Franken extra waren meine erste Aktion in diese Richtung. Irgendwie werde ich es schon aushalten, denke ich mir und dampfe wie ein nasses Rinozeross an der Sonne. Es ist zwei Uhr morgens und gemäss meiner Uhr mit Thermometer genau 29.7 Grad warm. Während ich noch überlebe wie ich das aushalten soll, bin ich auch schon eingeschlafen und erwache erstaunlich erholt am nächsten Morgen.
Die ersten zwei Tage verbringe ich damit, die Stadt und die fremde Kultur auf mich wirken zu lassen. Es ist unglaublich laut in Mumbai. Eigentlich sind hier alle Sinne ständig überlastet, nicht nur das Gehör. An jeder Ecke riecht es unterschiedlich und fast immer intensiv. Nicht generell unangenehm, wie ich erst befürchtet hatte, nur intensiv. Intensiv nach Curry, Urin, Müll oder Korreander. Meistens alles gemischt und in Schwaden. Wie Wellen brechen die Gerüche über mich herein. Mal wird mir fast schlecht dabei, dann geniesse ich es plötzlich wieder.

Ähnlich geht es mir mit der Masse an Menschen, die unaufhaltsam durch die Strassen Mumbais quetschen, schieben, rennen, schlendern, drängen. Unglaubliche Menschenmengen, wie ich sie nie zuvor gesehen habe. An jeder Ecke werde ich angesprochen. „Buy this, very good price“. „Please give me money“. „Buy big balloon - bumm“. Ich bin distanziert, überfordert und darum unfreundlich. Entgegen meinem kontaktfreudigen Wesen wimmle ich alle ab. Es ist zu viel und ich kann noch nicht freundlich damit umgehen. Innerlich entschuldige ich mich bei den Inderinnen und Indern dafür. Nein, ihr seit nicht unerwünscht, ganz im Gegenteil. Ihr seit nur gerade etwas zu viel für mich.

Ich gehe an einem nackten Kind vorbei, welches auf dem blanken Boden des Gehsteigs liegt. Es ist vielleicht zwei Jahre alt, schätze ich. Es schläft, als wäre der Gehsteig wunderbar weich und behaglich. „Wird es morgen Schmerzen haben wenn es aufwacht?“ denke ich mir. „Soll ich seiner Mutter Geld geben? Oder ich könnte die ganze Familie in mein Hotelzimmer einladen, schliesslich hat es da noch drei Betten frei!“. Ich verdränge den Gedanken gleich wieder. Ich kann den Menschen hier nicht helfen. Nicht allen. Nicht diesem Kind hier auf der Strasse, nicht jener alten Frau dort, die gerade den Müll durchwühlt. Es sind einfach zu viele. Ich komme mir schäbig vor mit meinem zweieinhalb tausend Dollar Laptop im Rucksack. Wie lange könnte wohl eine Familie hier mit diesem Geld überleben? Drei Jahre? Gar vier?

In den Massen
Einige Strassen weiter wird das Quartier nobler. Ich bin im Kreis des „Gateway of India“. Dem Wahrzeichen von Mumbai. Einem riesigen Basaltbogen der sich am Rande des Meeres auftürmt. Das ganze Viertel wird gerade renoviert. Duzende Steinmetze hämmern auf dem Platz vor dem Triumphbogen an den Steinen für den neuen Bodenbelag. Sie haben Türen als Schattenspender hinter sich aufgestellt. Rhythmisch überdeckt das Hämmern den ständigen Geräuschteppich Mumbais. Auch hier auf dem Platz ist es wieder unerträglich heiss. Die Massen um den Gateway scheinen die Hitze noch zu verstärken. Ich flüchte ins nahe LavAzza Café und bestelle mir einen Café Latte Freeze. Was für ein Kontrast zum überhitzten Mumbai.

Später fahre ich an den Chowpatty Beach, einem beliebten Erholungsort der lokalen Bevölkerung. Der Strand ist von Müll übersät doch trotzdem drängen sich dort tausende von Badegästen und Ausflüglern zusammen. Inder folgen einem stetigen Herdentrieb, egal wie laut oder vermüllt der Ort gerade ist. Inmitten der Massen macht sich langsam ein neues Gefühl in mir breit. Ich fange langsam an zu ahnen, was den Inder so magisch anzieht und aneinander drängt. Ganz sachte fühle ich die Geborgenheit in der Masse. Eine kollektive Freundlichkeit die alles andere überdeckt. Der Lärm verschwindet und ich kann mich einfach treiben lassen. All die versteckten Ängste driften sanft in den Hintergrund. Die Angst bestohlen zu werden, etwas falsch zu machen, nicht zu verstehen, reich zu sein. Grinsend treibe ich in den Massen. Da und dort grinst ein Gesicht zurück.

Plötzlich packt mich eine Frau und deutet mir mit ausladender Gebärde an geradeaus zu blicken. Ich starre verwirrt ins Objektiv einer Kompaktkamera. Die dicke Indische Mama dirigiert ihren Sohn rechts und die Tochter links neben mich. Dann soll ich Lachen. Ich weigere mich nicht, denn ich will mich ja den Gepflogenheiten anpassen. Aber was soll ich wildfremder Tourist denn auf dem Familienfoto? „Where do you come from?“ will die Mama von mir wissen. „Switzerland“ antworte ich brav. Dann sind sie plötzlich alle weg. Ich stehe da wie bestellt und nicht abgeholt, merke aber schon bald, dass das nicht das einzige Erlebnis dieser Art bleiben wird. Auf mindestens drei weiteren Familienbildern werde ich Zwangsintegriert. Und immer ist die Frage meines Herkunftslandes von entscheidender Bedeutung. Langsam habe ich das Gefühl, es hier mit einer Art Trophäenjäger-Brauch zu tun zu haben. Ich nehme mir vor beim nächsten mal jemanden zu fragen.

Elephant Island ohne Elefanten
Wie jeder Tourist besuche ich „Elephant Island“, eine vorgelagerte Insel mit riesigen, von Menschenhand in den Stein gehauenen Höhlen. Darin sind viele sehr alte Shiva-Statuen zu finden, unter anderem auch die Indische Version der Dreifaltigkeit, die Trimurti. Gott wird als Zerstörer, Erhalter und Schöpfer dargestellt. Ich staune über die Künstler, die in einer solchen Affenhitze solch grossartige Skulpturen in den blanken Stein meisseln konnten. Und ich begreife nun auch das Wort Affenhitze besser, denn Affen sind in diesem Brutofen wirklich die einzigen Bewohner. Ausgenommen von ein paar heiligen Kühen die ich plötzlich versteckt in den Höhlen entdecke. Sind diese heiligen Kühe nun hier in den heiligen Stätten weil sie heilig sind, oder nur weil es her ein paar zehntel Grad kühler ist? Und was fressen heilige Kühe in heiligen Stätten? Gar nichts! Sie wiederkäuen, wie ich nach umfangreicher Studie festgestellt habe.

Nach einigem Umhertapsen finde ich einen Weg auf den „Cannon Hill“. Nur sieben Minuten sollen es bis dort oben sein. Das schaffe ich doch glatt, denke ich mir. Ich habe die Rechnung aber nicht mit der örtlich herrschenden Standardtemparatur gemacht, welche bei jedem Schritt in Richtung Gipfel ebenfalls zu steigen scheint. Ich war ganz bestimmt noch nie an einem so heissen Ort, ausgenommen der Finnischen Sauna in Rheinfelden. Die Luft steht. Keine Spur mehr von dem rettenden Lüftchen, welches wenigstens an der Küste die Hitze noch einigermassen erträglich machte. Hier oben ist es einfach nur noch heiss. Mein Tshirt klebt an mir wie die Schutzfolie auf einem neuen Display. Ich keuche und schnaufe, doch es wird nicht besser. Zentimeterweise schleiche ich dem Gipfel entgegen. Ich scheine hier der einzige Tourist weit und breit zu sein. Habe ich irgend ein Schild übersehen? Nicht geeignet für Europäer oder so? Sie werden schmelzen und zurück ins Tal fliessen? Gehen sie nicht ins Licht?

Ich begegne einigen Indischen Touristen und sie gratulieren mir. Wofür? Ich habe keine Ahnung, aber ich denke dass es mit meiner Besteigung zusammen hängen muss. Irgendwie macht es mir auch Mut und nach vielen weiteren mühsamen Minuten (von wegen sieben,... nicht für einen Europäer!) bin ich endlich oben. Der Blick ist überwältigend. Im Westen liegt der riesige Hafen von Mumbai vor mir und die Skyline zieht sich fast von Horizont zu Horizont. Ich geniesse den Anblick, halte es aber nicht zu lange aus, denn es ist einfach zu heiss. Ich kann das ganze ja später auf den Fotos bewundern. Hinter einem kühlen Bier oder so.

Die Rückfahrt mit dem „Deluxe“ Boot (wo genau der Unterschied zu den Standard-Booten sein soll habe ich nicht herausgefunden) ist wenig ereignisreich, wenn auch dank des leichten Lüftchens nun wenigstens temperaturmässig wieder erträglich. Der Kapitän gibt über Funk Klingelzeichen an den Maschinenraum. Zwei „Ping“ bedeutet langsame Fahrt voraus. Drei „Ping“ heisst rückwärts. Doch so sicher bin ich mir nicht, denn zwischendurch klingt es wie auf einem Jahrmarkt. Wie der Maschinist dieses Gebimmel entschlüsseln kann ist mir ein Rätsel. Doch irgendwie scheint dieser damit gut klar zu kommen und wir landen sicher wieder zurück im Hafen vor dem „Gateway of India“.

Ein neues Hotel
Meine Reisegeizigkeit nimmt langsam bedenkliche Formen an und darum habe ich mir auch schon nach zwei Tagen ein neues Hotel gesucht, welches nur noch halb so teuer ist. Dafür mit Gemeinschaftsbad und Toilette und ohne WC-Papier. Wenn man nicht danach frägt, was ich dann doch gemacht habe. Man lernt ja dazu. Weiterer Kommentar ausgeschlossen.
Mein neues Zimmer liegt direkt über dem streng befahrenen Coloba Causeway, was sich mit ununterbrochenen Hup-, Ruf-, Motoren-, Triller- und Sirenengeräuschen bemerkbar macht. Ich lese einen Text von Krishnamurti in welchem er über das „Zuhören“ sinniert. Ja, auch über das Zuhören einer Strasse. „Nur wer sich zwischen das Geräusch und sich selber stellt, der wird es als unangenehm empfinden.“. Oder so ähnlich, ganz genau kann ich mich nicht erinnern, denn ich bin dabei tatsächlich eingeschlafen und habe mich sogar wunderbar erholt. Trotz dem ganzen Lärm und Gestank habe ich bis zehn Uhr morgens durchgeschlafen. Wo gibt es denn sowas? In Mumbai. Dank Krishnamurti!

Als ich dann endlich, wenn auch etwas verschwitzt – und dies trotz dem ich wieder einmal im Adamskostüm und ohne Decke genächtigt habe – aufwache, wird mir schlagartig eine Veränderung bewusst. Hinter dem dunklen Fenster am Kopfende meines Bettes, welches mir in der letzten Nacht sehr friedvoll und vor allem unbelebt erschienen ist, befindet sich nun ein durchaus helles und rege bevölkertes Büro. Vermutlich bin ich hier schon seit Stunden den Blicken einer beachtlichen Besucherschicht ausgestellt, wovor mich auch Krishnamurti nicht retten konnte. Ich mache ein Gesicht wie eine Zitrone und ziehe den Vorhang. Morgen gehts ab nach Goa!

Montag, 2. Juni 2008

In der Pizza Calzone Indiens


Bye bye Switzerland
Originally uploaded by hobbes_ch
„Neun Franken neunzig“ sagt die freundliche Frau hinter dem Tresen. Die freundlich gesprochenen Worte lösen eine spontanen Krampf in meiner Magengengegend aus. Ich habe ein SANDWICH gekauft. Kein ganzes Mittagessen, nur ein Sandwich. Noch nicht mal was zu Trinken. Aber ich bin halt offensichtlich noch in der Schweiz, wo Sandwiches aus Gold gemacht werden und so viel kosten müssen, sonst wäre es eben nicht die Schweiz. Man kann ja auch woanders einkaufen, wenns einem nicht passt. „Mache ich auch“, denke ich mir und ziehe grummelnd mein Portemonnaie. Bald bin ich in Indien und dann werde ich für diesen Betrag ein ganzes Festmahl verdrücken können! Etwas verwirrt stelle ich kurze Zeit später fest, dass das sündhaft teure Sandwich erstaunlicherweise auch sündhaft gut ist. Also wandelt sich mein Grollen in Wohlwollen und ich hebe zufrieden und satt in Zürich ab.

Vier Stunden später mache ich eine erste Bekanntschaft mit Indien. Oder besser, mit Indiens Gepflogenheiten, die in dem hauptsächlich von Indern genutzten Flugzeug fleissig zelebriert werden. Nach dem vierten Getränk schreit meine Blase unüberhörbar nach der Flugzeugtoilette, was auch meinem Sitznachbarn nicht verborgen bleibt und mir den Weg in eben diese Richtung frei macht. Ich trotte also etwas verklemmt aber dafür umso zielstrebiger in Socken Richtung Heck des Flugzeugs und kann – die Götter der fliegenden Toiletten sind mir gnädig – auch schon nach fünf Minuten eine Kabine mein eigen nennen. Doch kaum habe ich sie betreten stelle ich schockiert fest: Der gesamte Toilettenboden ist nass! Nein, das stimmt nicht ganz. Da wo ich vorher mit meinen Socken gestanden bin, ist er nun trocken. Mit wildem Gehüpfe versuche ich dem plötzlichen Wasseraufkommen Herr zu werden, was meine Lage auch nicht wirklich verbessert. Frustriert ändere ich die Strategie und bleibe wie angewurzelt stehen. Dies wiederum gipfelt nun in akrobatischen Übungen mit meiner Hose, um trotzdem meiner inzwischen energisch reklamierenden Blase ihren wohlverdienten Dienst zu erweisen. Auf traditionell Schweizerische Art in das Loch und nicht auf den es umgebenden Boden, wohlgemerkt. Manchen traditionellen Werten bleibe ich treu. Auch auf Weltreise! Indien, ich freue mich auf Dich und ich werde als ersten Akt der Völkerverständigung meine Socken waschen

Im Taxi
Indien empfängt mich schwülheiss, aber unkompliziert. Der Imigrationsprozess geht einigermassen zügig über die Bühne und schon bald stehe ich im Hof vor der Ankunftshalle und suche mir ein Taxi. Der Taxifahrer schickt mich jedoch gleich wieder zurück an einen Prepaid-Schalter, wo man das Fahrgeld vorher bezahlen muss. Wo gibts denn sowas?

Ich bekomme ein Taxi mit einem sehr speziellen Fahrer zugewiesen. Mitte fünfzig, mit Bart und ohne Halsgelenk. Jedenfalls kann er den Kopf anscheinend nicht drehen, sondern bewegt immer gleich den ganzen Oberkörper mit. Vermutlich hat er eine der hier üblichen Wackeldackel-Kopfbewegungen etwas zu heftig durchgeführt und sich das Genick gebrochen. Er erinnert mich an eine Filmfigur, mir kommt nur nicht in den Sinn welche. Frankenstein? Während ich noch darüber nachdenke, frägt er mich nochmals – inzwischen zum dritten mal – wo ich hin will. Na toll. Warum muss man ausgerechnet mir diesen superlangsam denkenden Frankenstein zuteilen. Doch schon bei der ersten Kreuzung stelle ich fest, dass Frankenstein eine sehr seltene Gabe hat. Er kann offensichtlich in die Zukunft sehen und weiss genau, wann welches Gefährt wo auf der Strasse sein wird. Er beherrscht Raum und Zeit wie kein anderer. Ich kann mir nicht anders erklären, wie er sonst mit etwa achzig Stundenkilometern problemlos und locker über die dicht befahrene Kreuzung schiessen kann,... was er soeben tat! Zwischen zwei sich kreuzenden Motorrädern hindurch. Es ist wie bei Patrouit Suisse, nur viel viel enger und schneller. Ich schliesse die Augen und erkläre ihm nochmals wo ich hin will. Rein präventiv versteht sich, nur um sein Gehirn nicht mit unnötiger Fragerei abzulenken.

Draussen schiesst Mumbai an mir vorbei. Die Stadt kommt mir vor wie eine riesige Pizza Calzone. Heiss und vollgestopft, so dass es fast schon Fäden zieht. Auf den Gehwegen liegen überall schlafende Menschen. Die ganze Stadt ist ein einziger Schlafsaal. Hunderte, nein, tausende schlafende Einwohner. Da es wunderbar warm ist, wird keiner der Obdachlosen frieren. Aber was machen die armen Leute wenn der Monsun kommt? Der Taxifahrer hat mir erklärt, dass in zehn Tagen die ganze Stadt bis zu den Hüften unter Wasser sein wird. Freude herrscht! Ich werde mir ein Hotel im ersten Stock suchen!

Mittwoch, 28. Mai 2008

Träume süss mein Engel


Kerze
Originally uploaded by hobbes_ch
Heute Nacht habe ich dir beim Schlafen zugesehen. Du sahst friedlich und wunderschön aus. Ein schlafender Engel. Der gelbe Glanz des Lichts fing sich in der sanften Haut deines Nackens. Mein Blick streifte deinen Hals und verhielt an der Stelle wo dein Haar dunkel auf deinen Hals fiel. Ich wünschte mir winzig klein zu sein und mich genau an dieser Stelle hin zulegen. Ich hätte mich mit deinem Haar zudecken und so auf dir träumen können. Doch ich wollte dich weiter betrachten. Mein Blick glitt höher und verschmolz mit deinem schlafenden Gesicht. Blieb an dem winzigen Muttermal auf deiner Wange hängen. Ich erschauerte bei der Frage, wie jemand wie ich so etwas wunderschönes wie dich verdient hat.

Ich hätte dich gerne fotografiert um diesen Moment für immer festzuhalten, wollte ihn aber nicht genau dadurch zerstören.
Bei jedem Atemzug hob und senkte sich die rote Decke auf dir und ich merkte, dass wir genau gleichzeitig atmeten. Doch dann fielen wir aus dem Takt, nur um uns kurze Zeit später wieder zu finden. Etwas wie unsere eigene Geschichte.

Wenn ich die Augen leicht schloss, schien es mir, als könnte ich Deine Träume sehen. Sie schwebten und tanzten über dir. Manchmal schien es, als würden sie von dir wegfliegen, kehrten aber immer wieder zurück zu dir. Sie glichen farbigem Glas, waren aber flüssig wie Quecksilber und flüchtig wie der Rauch eines Räucherstäbchens. Ständig veränderten sie sich und schienen von innen zu leuchten. Leuchtkäfer der Seele.

Plötzlich huschte ein Lächeln über dein Gesicht und du drehtest dich um zu mir. Und ich wusste, es wird gut. Träume süss mein Engel.

Mittwoch, 21. Mai 2008

Zum Haare Schneiden in die Schweiz


Bei Katrin unterm Messer
Originally uploaded by hobbes_ch
Manche Dinge kann man nur zu Hause erledigen. Dazu gehören: Wanderschuhe kaufen, einen Laptop erstehen und eben - Haare Schneiden. Nicht das mich die Indischen Behörden am ersten Juni nicht ins Land lassen würden, aber der gutbürgerlichen Schweizer Norm entsprach meine Lockenpracht nach neun Monaten Afrika nicht mehr ganz (wobei zu Eerwähnen ist, das Katrin bei meinem letzten Besuch in der Schweiz bereits notfallmässig Hand angelegt und mich schon einmal von übermässigem Kopfkraut befreit hatte).

Mein erster Eindruck nach neun Monaten Afrika in der sauberen Schweiz ist sehr gut. Das Wetter ist sommerlich warm, ich werde wunderbar herzlich empfangen und das Essen birgt auch all die sehnsüchtig erwarteten Abwechslungen auf die ich so lange gewartet habe. Der zweite Eindruck ist ziemlich ernüchternd. Die Schweiz kommt mir steril und leblos vor. Kein Lachen, keine Musik - ja eigentlich liegt gar kein Geräusch in der Luft. Ich stehe nachts am Bahnhof und empfinde die überlaute Stille schon fast als schmerzhaft. Der Kontrast zu Nairobi ist frappant. So gewalttätig und stinkend die Stadt auch ist, sie hat der Schweiz eines voraus: Die Lebendigkeit.

Doch ich ignoriere den reziproken Kulturschock und stürze mich ins inexistente Getümmel. Mittels fünfdimensionaler Terminplanung versuche ich in kürzester Zeit alle meine Freunde gleichzeitig zu besuchen und stelle erstaunt fest, das die meisten davon entweder schwanger sind oder inzwischen bereits Kinder haben. Das ich selber weder das eine bin noch das andere habe rechne ich der üblichen Gepflogenheit professioneller Langzeitglobetrotter zu und mache mir weiter keine Sorgen. Gut Ding will Weile haben. Vater werden kann ich auch nachher noch.


(Für alle die auch eine zu lange Mähne haben: Kat coiffure 061/273 39 76)