Montag, 12. November 2007

Nebenwirkungen

Heute möchte ich Euch eine kleine Geschichte näher bringen, die mir soeben ein paar Mitarbeiter der Ranch beim gemeinsamen Nachtessen erzählt haben. Sie ist einfach zu schön um sie für mich zu behalten.

Vor einiger Zeit ging ein älterer Mann hier aus der Gegend an seinem ordentlichen Feierabend in die lokale Stammkneipe. Da Stammkneipen hierzulande nicht immer grad um die Ecke sind, musste er sich seinen Frühschoppen mit einem ordentlichen Fussmarsch verdienen und bediente sich dabei der praktischen Erfindung eines Gehstocks.

Einige Stunden und Promille später macht er sich schliesslich glücklich, wenn auch etwas wankend, auf den Heimweg. Als er nun mehr oder weniger zielstrebig um eine Kurve biegt, streckt ihm mitten auf der staubigen Piste ein prächtiger Elefant sein riesiges Hinterteil entgegen. Da es schon ziemlich dunkel ist und die visuelle Wahrnehmung unseres Freundes durch den feuchtfröhlichen Abend etwas an Schärfe verloren hat, erkennt er den Elefant nicht als solchen und flucht nur "welcher Idiot hat denn hier mitten auf der Strasse sein Haus hingebaut!". Er hebt seinen Gehstock und verpasst dem vermeintlichen Haus einen mächtigen Hieb auf sein gewaltiges Hinterteil. Das Haus brüllt los, dreht sich um, packt den nächtlichen Ruhestörer mit seinem Rüssel und wirft ihn auf den nächsten Baum, wo er wie durch ein Wunder unverletzt hängen bleibt.

Was lernen wir aus dieser Geschichte? Wenn Dir nachts in Afrika mitten auf der Strasse ein Haus begegnet, schaust Du besser zweimal hin bevor Du anklopfst.

Dienstag, 23. Oktober 2007

Zu Fuss durch Mombasa

Wer diese Stadt nur anhand ihres Geruchs und dem Müll in den Strassen beurteilt, kehrt ihr zu schnell den Rücken. Wer genauer hinschaut stellt fest, diese Stadt hat Herz, ist bezaubernd und durchaus mehr als man zuerst erwartet.

Ich verlasse mein Hotel zu Fuss. Will es jetzt wissen. Afrika hinter den Kulissen, ohne Brille. Ich habe sämtliche, na ja nicht ganz, aber wenigstens fast alle Wertsachen im Hotel gelassen. Nur meinen kleiner Fotoapparat trage ich versteckt mit mir. Als Muzungu (Weisser) stinke ich zwar immer noch nach Geld. Eben hat mir ein Barkeeper, nachdem er mein Heimatland erfahren hat gemeint: "In Switzerland all people are millionaires". Darauf mach ich mutmasslicher Millionär mich also zu Fuss auf den Weg durch die Innenstadt. Ich will ans Meer, was in Mombasa gar nicht so einfach ist. Der östliche Meeranschluss gleicht nämlich einer Steilklippe. Immerhin, auf einem schmalen Pfad quer durch einen Garten gelange ich an die Klippe und stehe endlich am Meerufer. Unter mir flüchten ein paar tellergrosse Krabben ins rettende Nass und schäumende Wogen nagen am vernarbten Gestein. Weit im Norden erblicke ich einen Strand. Da will ich hin!

Ich gehe meinen Weg zurück und parallel zur Klippe weiter, durch schmale Gässchen des offensichtlich muslimischen Viertels. Aus vielen Eingängen blicken mir neugierige Kinderaugen entgegen. Oft ruf man mir dann freudig "Muzugu" oder "Jambo" entgegen. Ich grüsse freundlich zurück, was die Augen noch mehr erstrahlen lässt. Fast alle Mädchen tragen farbige Kopftücher und sind mit reichen Henna-Ornamenten geschmückt. Einige Kinder gehen barfüssig durch die stinkenden Gassen, welche auch hier im Unrat versinken. Eine Freundin hat mir erzählt, dass viele Menschen in Mombasa ständig krank seien. Das feuchtwarme Klima bildet einen wunderbaren Nährboden für Krankheitserreger und die Kloake in den Strassen verbessert die Situation wohl auch nicht gerade.

Ich gehe weiter, an einer Moschee vorbei, aus der ein Imam in regelmässigen Abständen seine Gebete verkündet. Eine Gruppe Jugendlicher begrüsst mich mit "jambo, karibu in Kenya". Kurz darauf auch eine alte Frau, die gebückt an ihrer Tasche mit gesammeltem Müll herumfummelt. Unglaublich, man würde nicht denken dass ich mich in einer Grossstadt mit einer halben Million Einwohnern befinde.

Von einer Gasse zur nächsten verändert sich die Gegend. Es sind die Kinder, die ich plötzlich nicht mehr antreffe. An ihrer Stelle begegnen mir eine Menge zwielichtiger Gestalten und ein paar Autowracks. Ist es wirklich intelligent hier zu Fuss herum zu spazieren, denke ich mir? Na ja, bei mir ist ja (fast) nichts zu holen, auch wenn ich ja seit heute Morgen ein Millionär bin, denke ich mir und gehe zügig weiter.

Die Gasse wird nun von schäbigen Baracken mit Wellblechdächern gesäumt. Nun bin ich mir sicher, dass ich hier nicht unbedingt hingehöre, gehe aber trotzig zwischen den vielen parkierten Lastwagen hindurch, aus denen mich neugierige Brummifahreraugen beobachten. Vor mir tauchen drei stämmige, ziemlich fies blickende Gestalten auf. Ich gehe weiter, auf sie zu. Ich will keinen Bogen um sie machen, das wäre zu auffällig. Mein Puls steigt an, ich schwitze noch mehr als sonst und ich zwinge mich nicht schneller zu gehen. Noch fünf Meter trennen mich von den zwielichtigen Typen. So stelle ich mir professionelle Schläger vor, fährt es mir durch den Kopf. Noch drei Meter, ich halte die Luft an, zwei Meter... "jambo! Karibu in Mombasa". " Jambo, mzuri sana" erwidere ich und wage es in das düstere Gesicht des Anführers zu blicken, der nun so etwas wie ein Lächeln im Gesicht trägt, auch wenn ich mir nie hätte vorstellen können, dass er zu solch einer Geste überhaupt fähig ist. Mombasa ist wirklich freundlich, wenn man erst einmal einen Blick hinter die Kulissen gewagt hat.

Freitag, 12. Oktober 2007

Ich bin ein Alien mit einem Virus


Blick vom KICC in Nairobi
Originally uploaded by hobbes_ch
Es gibt sie also doch! Mit grossen weissen Buchstaben auf blauem Grund lese ich über dem amtlichen Schalter im Imigration Office "Aliens Registration". Ich dachte eigentlich das wäre im Film "Men in Black" erfunden, hier in Nariobi werde ich aber eines besseren belehrt. Also stelle ich mich natürlich gleich an und siehe da, ich bin auch ein Alien. Von welchem Planet ich komme kann mir zwar niemand sagen aber für die dunkelhäutigen Kenianer ist wohl jedes Bleichgesicht wie ich ein Alien. Ich kriege sogar einen Ausweis, der diesen Sachverhalt bestätigt! Dazu muss ich aber erst nochmals sechs Wochen warten (sagt man mir) und in zwei Monaten (sagt jemand anders mir) ist der Ausweis dann auch wirklich da. Dann mein Visum zwar schon fast wieder abgelaufen und der Alien-Ausweis dementsprechend nutzlos, aber auch das stört hier niemanden. Schliesslich berechnet man mir dafuer zweitausend Schilling, also rund vierzig Franken. Es ist recht teuer ein Alien zu sein, finde ich.

Nairobi ist wie eine überschäumende Spaghetti-Pfanne. Zwar brodelt, schäumt und zischt es überall, aber wer weiss wie, entdeckt darin gerne den einen oder anderen Leckerbissen. Sandra, eine Freundin hier in Nairobi, hilft mir beim Nairobi-Fischen und zerrt mich dazu auf den KICC-Turm, das zweithöchste Gebäude der Millionenstadt. Mein Reiseführer behauptet zwar, es sei das höchste Gebäude, aber wer nicht blind ist und etwas östlich schaut, erkennt unschwer dass da noch ein etwas höherer Turm steht. Auf den darf man aber nicht rauf, wie mir Sandra versichert und so bin ich zufrieden und schiesse ein paar obligate Fotos.

Besonders schön sind von hier oben die knallvioletten Jakarandas-Bäume zu sehen, die an vielen Orten in Nairobi die Strassen säumen und einen penetrant süsslichen Duft verströmen. Leider mag dieser den noch penetranteren Abgasgestank der ständig verstopften Metropole nicht zu übertünchen. Aber daran muss man sich in Nairobi wohl gewöhnen. Daran und auch an den ständigen Lärm. Besonders bewusst wird mir dies in der ersten Nacht im Hotel, wo ich morgens um drei durch einen laut singenden Imam geweckt werde, welcher die Muslime der Stadt zum Gebet ruft. Und um fünf Uhr hat sein Kollege der zweiten Moschee Dienst und gibt sein Bestes um mich wach zu halten. Aber auch daran gewöhnt man sich wohl, wenn man erst mal eine Weile in dieser pulsierenden Stadt lebt.

Am Nachmittag will ich endlich die Fotos vom KICC-Ausflug aufs Internet laden. Ich suche mir also eines der vielen Internet-Cafes aus, wundere mich aber schon bald über die lausige Geschwindigkeit. Noch mehr wundere ich mich dann aber, als nach einer Stunde mein Memory-Stick plötzlich voll ist und keines meiner mitgeführten Programme mehr funktioniert. Auch die hoch geladenen Fotos sind alle kaputt. Ich prüfe kurz den Computer und ahne Böses. Kein Anti-Viren Programm! Und das in einem Internet-Cafe. Das ist etwa wie wenn man auf einer öffentlichen Toilette in Mumbai versuchte einem Patienten steril den Blinddarm zu entfernen. Mein Patient hat sich jedenfalls, was ich im nächsten Internet-Cafe gleich neben meinem Hotel feststelle, mit 543 Viren infiziert.

Montag, 3. September 2007

Im Süden nichts neues?


Nicht mehr weit...
Originally uploaded by hobbes_ch
Für alle Kritiker die mir nun vorwerfen ich sei eine lahme Ente ohne und dieser Blog setze ja schon Staub an: Seit gewarnt! Nicht immer sind die Umstände so wie ihr denkt. Natürlich habt ihr auch recht, hier ging schon ne ganze Weile nix mehr. Der Grund dafür liegt einfach darin, dass ich im Moment nicht frei kommunizieren kann, weil meine Einträge durch einen Freigabeprozess müssen. Die Umstände will ich hier gar nicht genauer erläutern. Auf jeden Fall warten bereits drei umfassende Berichte mit Abenteuern aus Afrika auf euch. Ihr dürft gespannt sein, denn hier unten im Süden geht ziemlich die Post ab!

Und der heilige Jakob?
Den hab ich zwar nicht getroffen, bin dafür aber seinen Weg von St. Jean-Pied-de-Port bis Santiago de Compostela gepilgert. Achthundert intensive Kilometer zu Fuss die ich nie vergessen werde. Ich kann sie jedem Wanderer der eine wichtige Entscheidung fällen muss oder einfach nur mal so richtig Zeit zum Nachdenken haben möchte nur empfehlen. Dieser Weg ist eine Herausforderung der ganz speziellen Art. Er stellte mir Aufgaben die genau zu meinen persönlichen Lebensfragen passen. Oft wurden die Aufgaben von Menschen gestellt, die mir auf dem Weg begegneten. Spezielle und ganz tolle Menschen. Menschen die es mir ermöglichten Antworten auf Fragen zu finden, die mich schon seit langem beschäftigen. Für alle die nun denken warum wird er nicht endlich konkreter und faselt hier nur rum: Vergesst es! :o) Trotz dem ich ein ganzes Tagebuch mit Notizen und Eindrücken gefüllt habe, entschloss ich mich schliesslich, im Blog nicht darüber zu schreiben. Einerseits weil ich das tolle Buch von HP Kerkeling, "Ich bin dann mal weg", nicht nachahmen wollte (was zweifellos passiert wäre wenn ich hier zu Schreiben begonnen hätte) und andererseits, weil meine Erlebnisse und Eindrücke schlicht zu persönlich waren, um sie im Internet zu publizieren. Ach ja, und da war auch noch der nicht unwesentliche Faktor, dass die Zeit zwischen dem Jakobsweg und meiner Abreise nach Kenia schlicht zu kurz war um vernünftig zu schreiben.

Als Trostpflaster möchte ich euch aber auf die fast fünfhundert Fotos auf Flickr verweisen, die ich während meiner Pilgerreise geschossen habe. Diese geben auch sehr schön wieder, was der Jakobsweg stimmungsmässig und Landschaftlich so zu bieten hat.

Und nun, gar kein Müsterchen aus Kenia?
Ok ok, ein Bisschen was darf ich sicher verraten. Vielleicht dass ich in den ersten Tagen fast ein Auto abgefackelt hätte? Oder soll ich lieber von der Begegnung mit dem Elefanten im Garten erzählen? Nein, dann doch eher davon, als ich mit dem Motorrad plötzlich vor dem Leoparden stand. Oder von vorgestern als mir die grosse Autobatterie um die Ohren flog?
Ach, es gibt einfach zu viele Abenteuer von denen ich euch bald erzählen werde und so lass ich es in diesem zusammenfassenden Blogeintrag einfach und verweise euch brutal auf später.

Aus dem wilden Kenia grüsse ich euch mit einer verbrannten Nase und einem sonnigen "Habari".

Sonntag, 20. Mai 2007

Übergewicht


Zehn komma fünf Kilo
Originally uploaded by hobbes_ch.
Lautlos und gemein schnellt die rote Anzeige auf 91 Kilo hoch. Fragen rasen mir durch den Kopf. Habe ich zugenommen? Wie viel wiegt er denn nun? Was wird erst wenn ich meinen Trinkbag mit Wasser fülle?
Ich entledige mich meinem Pilgerrucksack und quäle die Waage nochmals. 80.5 Kilo. Das macht? Mehr als zehn? Kann ich Adam Riese nicht bestechen damit es etwas weniger wird? Vielleicht mit irgendwelchen mathematischen Unschärfe-Tricks?
Sämtliche Pilgerratgeber raten mir dringend dazu, nicht mehr als zehn Prozent meines Körpergewichtes als Gepäck mit auf den Jakobsweg zu nehmen. Bei mir wären das also – wenn wir Herrn Riese nochmals bemühen – acht Komma fünf Kilo. Mit Wasser versteht sich. Ich habe aber jetzt schon über zehn und mein Wasservorrat im Rucksack ist gleich Null. Und auf mehr verzichten kann ich nun wirklich nicht. Sogar Aurels Buch „Gehen“ hab ich aus Gewichtsgründen raus geschmissen (sorry Aurel!). Nun könnte ich höchstens noch eine der zwei Ersatzunterhosen weglassen aber das wäre dann wirklich eine Zumutung für meine Mitpilger.
Das einzige Zusatzgewicht das mir spontan noch in den Sinn kommt sind die Glückssteine, welche irgendwo in einer Innentasche rumdümpeln. Gregor lacht mich eh schon dauernd aus, weil ich mit einer halben Geröllhalde auf dem Rücken los pilgere. Aber ich habe halt meinen Göttikindern angeboten, Glückssteine für sie mitzutragen und nun kann ich wohl kaum kneifen. Ich hoffe das Glück das ihnen zuteil wird ist riesig, sonst muss ich mal ein ernstes Wort mit jemandem wechseln. Mit wem? Keine Ahnung, das ist ja auch so eine Frage die man auf dem Jakobsweg stellen darf. Dazu ist er ja da!

Nervös wie ein gedoptes Huhn murkse ich die letzten Sachen in meinen zum bersten vollgestopften Rucksack. Vor meinem geistigen Auge sehe ich den Rucksack kurz vor dem Einchecken explodieren. All meine sorgsam ausgesuchten Pilgersachen fliegen mir um die Ohren und durch die Checkin-Halle. Überall flattern Federn meines Daunenschlafsacks. Das Flughafenpersonal schreit mich an, aber ich höre es nicht. Ich stehe in den flatternden Daunen und verfolge in Zeitlupe wie meine Kamera am Boden zerschellt. Und doch ist es ganz still. Nur ich, die Federn und die Katastrophe.
Ich schrecke hoch und erwache aus meinem Tagtraum. Ich sollte mir vielleicht einfach nicht mehr ganz so viele Gedanken machen und mich etwas beruhigen. Aber ist doch wahr. Ich war noch nie so lange auf Reisen und schon gar nicht zu Fuss. Wer läuft schon 800 Kilometer zu Fuss (ausser natürlich HP Kerkeling, aber das ist ja eh auch nur so ein Spinner und Komiker noch dazu... das zählt also kaum).

800 Kilometer ist etwa die Distanz von hier nach Prag. Das ist ziemlich weit! Stelle ich mir jedenfalls vor. Ich bin ja auch noch nie in die Tschechische Republik gelaufen, kann das also nicht wirklich als Experte beurteilen. Es ist auf jeden Fall weiter als nach Delémont und bedeutend weiter als es sich meine Füsse im Moment vorstellen können.

Während sich noch meine Füsse lautstark und präventiv bei mir für die bevorstehenden Strapazen beschweren, kommt mir die gestrige Weltreiseparty in den Sinn. Es war schön und tröstlich all meine Freunde nochmals um mich zu haben, vor diesem grossen Schritt. Ich werde Euch vermissen! Und ich hoffe insgeheim, dass es mir niemand übel nimmt, wenn ich nun mal sechs Wochen verdufte und „offline“ bleibe.
„Ich bin jetzt auch mal weg“ und begnüge mich erst mal mit einer ganz anderen Gesellschaft: Meinem über gewichtigen Rucksack und meinen quängeligen Füssen. Nicht ganz das selbe, aber was sollst. Jeder ist seiner eigenen Blasen Schmied.

Bis bald Ihr Lieben, ich dampfe nun los!