Freitag, 20. Juni 2008

In den Tempeln von Hampi


Tempel am Morgen
Originally uploaded by hobbes_ch

15 20 11.0N, 76 27 42.2 E


Nach dem regenreichen Goa zieht mich mein Wanderdrang wieder in Richtung Landesinnere. Weit weg vom Monsun, der aus Südwesten heraufzieht. Aber ich kann ja versuchen ihm in Richtung Nordosten zu entkommen.
Bequeme Reisemöglichkeiten sind in diese Richtung allerdings rar gesät, erklärt man mir in Panaji, meinem Ausgangspunkt für die neue Reise. Züge würden während dem Monsun nicht fahren, schon gar nicht ab Panaji. Und Luxus-Liegebusse gäbe es auch nicht. Nur in der Hochsaison und die sei ja jetzt gerade nicht. Ich könne aber einen der lokalen Busse nehmen. Die seien sehr billig und man müsse auch nicht reservieren.
Pünktlich zur mir unbekannten Abfahrtszeit stehe ich also am riesigen Busbahnhof und versuche im unüberschaubaren Getümmel ein Fahrzeug mit der Aufschrift „Hubli“ zu finden. Hampi, mein eigentliches Ziel kann nämlich gar nicht direkt angefahren werden, sondern ich muss über Hubli nach Hostet und von da mit dem Taxi weiter nach Hampi. Allerdings bringen mich die vielen ähnlichen Ortsnamen und die ebenfalls sehr ähnlichen und noch viel zahlreicheren Busse ziemlich durcheinander und so finde ich erst mal keinen Bus nach Hupi. Oder war es Hospi? Ich frage am besten einen Hampi und der sagt mir dann auch das mein Bus hinter dem Busbahnhof stehe und um neun Uhr zwanzig fahre. Glück gehabt, da steht er tatsächlich und ist auch noch nicht total überfüllt.

Zwei Stunden später haben wir noch nicht einmal die Hälfte der Strecke nach Hubli zurückgelegt, ich habe aber mindestens schon das doppelte meiner Reisegeduld aufgebraucht. Der Bus schlingert und holpert über eine enge und sehr kurvenreiche Passstrasse. Mit ansehnlichem Tempo versteht sich, was sich mit der Zeit auf meinen eh schon angeschlagenen Magen auswirkt. Langsam passe ich meine Gesichtsfarbe dem grün der umliegenden Wälder an und bin nun froh einen Fensterplatz zu besitzen. Die Fensterplätze werden mit fortschreitender Fahrt auch zunehmend begehrter. Ein paar Inderinnen haben trotz unterschiedlicher Herkunft eine ähnliche Farbei wie ich angenommen und hängen nun würgend aus den Fenstern.
Nach viereinhalb Stunden Busfahrt habe ich ziemlich genug von dem Geholper und steige erst mal aus. Auch wenn ich noch lange nicht am nächsten Etappenziel bin. Ich finde jedoch ich verfüge über denLuxus eines grosszügigen Zeitbudgets und kann auch am nächsten Tag mit dem Zug weiter nach Hospet tuckern. Von Bussen habe ich erst mal genug.
Am nächsten Tag sitze ich mit vier gut gelaunten Norwegern im Abteil eines Zugs nach Hospet. Die Jungs kamen direkt aus Goa. Mit diesem Zug. Ich werde niemandem mehr Glauben schenken der behauptet im Monsun würden keine Züge fahren. Ab jetzt bin ich ein notorischer Zugsreisender, denn Züge sind in Indien wirklich die bequemste Art des Reisens. Man hat genug Platz, kann sich meistens sogar hinlegen und wird regelmässig gut verpflegt. Und die paar Rupien mehr ist mir dieser Luxus definitiv wert.

Beim Indischen Onkel Doktor
Nach einer unterhaltsamen und auch noch gemütlichen Fahrt sind Audun, Anders, Frank und ich in Hampi angekommen. Wr nehmen uns zwei Zimmer. Ich schlafe mit Audun im Doppelbett. Man ist unkompliziert und spart damit Geld. Allerdings sehen die drei Norweger in der kommenden Zeit nicht besonders viel von mir, den mein Reich ist wieder einmal die Toilette. Nach diesem erneuten Rückfall wird es mir dann doch zu viel und ich besuche den örtlichen Doktor.

In einem kleinen Sprechzimmer bittet mich der nette Herr (ohne weissen Kittel) Platz zu nehmen. Er hat vor sich, neben den üblichen Arbeitswerkzeugen, eine erstaunlich grosse Zahl Pillen und Tabletten ausgebreitet. Allerdings nur etwa fünf verschiedene Sorten, von denen er mir nach einer sehr kurzen Untersuchung je eine Packung verschreibt. Ich glaube er behandelt alle Patienten mit den gleichen Pillen. Das ist vermutlich praktisch und hilft sicher auch in achtzig Prozent der Fälle. Frei nach Pareto. Achtzig Prozent erfolg mit zwanzig Prozent der Medikamente. Allerdings habe ich einmal gelesen, dass dies bei uns in Europa auch nicht viel anders sei. Die meisten Ärzte würden immer genau die gleichen Medikamente verschreiben. Mein Indischer Doktor hier macht das nur weniger heimlich und oh Wunder, schon einen Tag später geht's mir bedeutend besser. Auch wenn jetzt die Norweger nun schon wieder weg sind. Die habe ich jetzt halt krankheitshalber verpasst. Dafür sind inzwischen Julia und Lorenz im Nachbarzimmer eingezogen. Ein aufgestelltes deutsches Pärchen. Sie studiert Psychologie und er hat vor kurzem in Geschichte abgeschlossen. Wir unterhalten uns prächtig und verabreden uns für den nächsten Tag um gemeinsam die Gegend unsicher zu machen und die Tempelanlagen zu erkunden.

Im Morgengrauen auf den Tempelberg
Bevor ich aber mit Julia und Lorenz losziehe, habe ich mir noch eine spezielle Tour vorgenommen. Ich will mit dem ersten Hahnenschrei auf den höchsten Tempelberg hier in der Gegend steigen und den Sonnenaufgang geniessen. Ich male mir aus, dass der Vogel der im Hof des Hotels haust, sehr genau weiss wann der erste Lichtstrahl den Horizont umspielt und mir somit genau das gewünschte Startsignal gibt.
Am nächsten Morgen, es ist noch stockdunkle Nacht, erwache ich dann auch prompt ob dem lauten Geschrei des nützlichen Gockel-Weckers. Ich taste im dunkeln nach meiner Uhr. Drei Uhr dreiund-zwanzig. Ist denn das Vieh völlig übergeschnappt? Wo bitteschön soll den um diese Zeit der Sonnenaufgang sein? Fluchend lege ich mich wieder schlafen und träume kurz danach von einem dampfenden Hünchencurry. Der Gockel versucht trotzdem noch mindestens vier mal mich aus dem Bett zu kriegen, aber ich traue ihm nicht mehr. Seine Tage sind eh gezählt und ein Hünchencurry kann ja nicht zuverlässig wecken.

Einen Tag später werde ich feststellen, das unser Gockel durchaus richtig eingestellt ist und viele Indische Frauen tatsächlich um drei Uhr dreissig geweckt werden wollen. Diese Zeit scheint genau richtig zu sein, um den Platz vor dem Haus mit Lakshmi einzuschmieren. Einer Mischung aus Kuhdung, Gewürzen, Wasser und weiteren Zutaten. Dies würde dem Haus Glück und Reichtum bringen. Um drei Uhr dreissig? Manche Indische Bräuche werde ich nie verstehen und schon gar nie selber in Erwägung ziehen. Der Gockel gehört in den Topf und basta!

Meine Casio-Armbanduhr wirft mich pünktlich um fünf Uhr aus dem Bett. Gute alte Technik. Eine halbe Stunde später bin ich schon auf dem Aufstieg zum Gipfel. Der Weg führt mich durch halb verfallene, mystische Tempel, die im frühen Morgenlicht ihre ganze Pracht entfalten. Zwischen riesigen, runden Felsen eingebettet prangen die exakt gehauenen Bauten am nahen Berg. Die rechteckigen Säulen sind mit Ornamenten und Darstellungen verschiedener Götter geschmückt. Dazwischen liegen künstliche Wasserbecken, die mit umlaufenden Treppen gesäumt sind. Alle Tempel wurden aus den örtlichen Felsen gehauen, die dabei in rechteckige Stücke gespalten und exakt aufeinander geschichtet wurden. Manche Mauern sind so genau eingepasst, das keine Messerklinge zwischen die Fugen der Steinquadern mehr passt. Und immer wieder Götter-Darstellungen. Mal mit Elefantenkopf, dann wieder als farbige Affengestalt in einem eingelassenen Schrein und mit frischen Opfergaben umgeben.

Die Luft ist rein am frühen Morgen und erlaubt die sonst so überquellende Fülle an Düften einzeln wahrzunehmen. Auch das Licht dämpft die grellen Farben, mit denen Indien seine Besucher überflutet. Indien ist ein Meer der Sinneseindrücke und so manchen Reisenden hat es wohl damit schon überfordert. Der frühen Morgen schont jedoch die Sinne und lässt einen langsam in die wunderbaren Welt eintauchen. Selbst der allgegenwärtige Lärm der Indien sonst so prägt ist zu dieser Stunde nur eine leise Musik. Der Schrei eines Vogels, eine Glocke die fern erklingt und das leise Geräusch des Windes der durch die Bäume am Hang des Tempelberges streicht.

Der Aufstieg
Ich mache mich an den Aufstieg. Lange und mächtige Felsquader wurden hier vor Jahrhunderten geschickt zu Treppen aufgeschichtet. Sie umfliessen die runden Felsen und führen einen sicher nach oben. Kein Mörtel hält die Stufen zusammen. Alleine die geschickte Passform und die Art wie sie sich gegenseitig verkeilen hält sie am Platz. Immer höher führt mich die imposante Treppe. Erst noch zwischen den mächtigen runden Felsen hindurch, die unten noch teilweise überwuchert sind. Weiter oben dann hört der Baumbewuchs auf und die Stufen führen in luftiger Höhe über einzelne Felsen. Ob dem fehlenden Geländer wird mir in dieser Höhe etwas mulmig zumute. Ich konzentriere mich einfach mutig auf die Mitte der Stufen und kletter langsam höher. Stufe um Stufe. Nicht nach unten sehen. Ich mache es doch und muss mich schnell wieder umdrehen. Lieber wieder nach oben sehen. Ja, das ist besser. Hoffentlich bin ich bald da. In manchen Stufen sind Löcher und lassen mich in den Abgrund zwischen den riesigen Felsen sehen. Ich konzentriere mich wieder auf die Stufen und denke nicht mehr an die Löcher. Ob wirklich ein Film des eigenen Lebens vor dem inneren Auge abläuft, wenn man hier runter fällt?

Endlich, ein kleiner Tempelbau erscheint über mir und markiert den Eingang. Ich haste glücklich in das flache Gebäude, welches den ganzen Gipfel umgibt. Nach einigem Umherirren in den verschlungenen Gängen finde ich eine Treppe die aufs Dach des Tempels führt. Dort angekommen werde ich für all die Mühen des Aufstiegs mehr als belohnt. Die Aussicht hier oben ist gewaltig. Im Norden schlängelt sich der Tungabhadra Fluss wie flüssiges Silber durchs grüne Tal. Immer wieder unterbrochen von lockeren Haufen der rotbraunen Felsen, die in den Jahrtausenden aberwitzige Formationen ausgebildet haben. Wie das Spielzimmer eines Riesen liegt das Tal vor mir in der Ebene.

Im Westen reckt sich der über fünfzig Meter hohe Virupaksha-Tempel der wärmenden Morgensonne entgegen. Seine erotischen Verzierungen haben schon manchen Besucher erröten lassen. Die östliche Sicht wird ganz vom Anblick des Vital-Tempels geprägt, der hier eine grosse Fläche einnimmt. Er gehört zum Weltnaturerbe und besitzt, eindrückliche, klingende Säulen. Ein paar Stunden später wird ein Wächter Lorenz, Julia und mir den Klang der Säulen unerlaubterweise demonstrieren. Ein sanftes klopfen mit dem Finger auf die filigranen Säulen erzeugt einen holen, hölzernen Klang. Dabei sind jeweils mehrere Säulen so aufeinander abgestimmt, das ein schöner Dreiklang den Tempelraum erfüllt.
Mein Blick schweift weiter über das weite Tal, das langsam aus dem Schlaf erwacht. Laute Hindimusik ertönt aus Richtung Hampi Bazaar. Überall in der grünen Ebene sind kleinere und grössere Tempel auszumachen. Teils stehen sie alleine, Teils sind sie geschickt in die Felsen integriert. Es würde wohl Wochen dauern , alle Tempel einzeln zu besichtigen. Mir hat schon dieser Anblick von hier oben einen majestätischen Eindruck verschafft, den ich erst mal einige Minuten auf mich wirken lasse.

Der Abstieg
Plötzlich tauchen vor mir ein paar Indische Touristen in Flip-Flop Sandalen auf. Wie sind denn die mit diesen Badelatschen über die Felsen geklettert? Und dann erst noch von der falschen Seite! Sie werden verfolgt von einer grossen Schar kleiner Affen, die sich inzwischen um eine Rolle Kekse versammelt haben und in aberwitzigen Tempo über die fast senkrechten Felsen rennen. Erst da merke ich, das auf dieser Seite ja ein zweiter Weg auf den Berg führt und ich finde es ist in Anbetracht der Touristenschar nun genau der richtige Zeitpunkt um diesen zweiten Weg zu erkunden.

Schon nach wenigen Metern merke ich, das dieser Weg deutlich anders konzipiert wurde als mein Aufstieg. Hier wurden einfach die natürlichen, runden Felsen als Wegführung verwendet und durch einzelne Steintreppen mit einander verbunden. Mit weisser Farbe wurden Linien auf den glatten Fels gepinselt, über die man besser nicht hinaustreten sollte, wenn man des Fliegens nicht kundig ist. Allerdings hätte es diese Markierung für mich nicht unbedingt benötigt. Ich bin in Bezug auf luftige Höhen ein ziemlicher Höseler und krieche daher auf allen Vieren über den runden Fels. Immer schlotternd darauf bedacht, nicht auf den fünfzig Meter tiefen Abgrund zu achten, der mir gleich hinter der weissen Linie bedrohlich entgegen klafft. Warum kannten die Inder das praktische Systems eines Geländers nicht! Oder zumindest eines Halteseils. Aber einen einfach in dieser Höhe über einen runden, rutschigen Fels zu führen und dann auch noch sarkastisch hin zu malen wo's runter geht, das ist dann doch etwas zu viel. Glücklicherweise fängt nun auch noch der Monsun an zu blasen und zeigt mir seinerseits ebenfalls, in welche Richtung ich nicht gehen sollte. Ich will doch einfach nur nach unten, aber bitte kontrolliert und nicht im freien Fall.

Ich will es Euch nicht weiter in die Länge ziehen. Ich bin heil unten angekommen und sogar heute nochmals den gleichen Weg auf den Berg gestiegen. Einfach um es mir zu beweisen. Ätsch. Aber dafür bin ich bei einem ähnlichen Manöver auf genau den gleichen Felsen, wenn auch viel weiter unten im Tal, in den Fluss gefallen. Na lieber nass als tot und schliesslich schien heute ja auch die Sonne und hat alles gleich wieder getrocknet. Was will man mehr? Mehr Indien! Morgen geht's nach Hyderabad.

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